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Bestes denken
Die singen doch alle nicht mit! Wer mich so in einer zugigen Friedhofstür empfing, war der Organist. Pensioniert und vom Beerdigungsunternehmen gebucht.
Ich hatte ihm vorher ein Blatt mit drei Liedern in die Hand gedrückt. Schöne Sachen dabei: Großer Gott, wir loben Dich (3 Strophen); Ein feste Burg ist unser Gott (2 Strophen) und Geh aus mein Herz und suche Freud - die Verse, die man daraus auch im Winter singen kann. Diese Lieder sollten bei der Beerdigung r einer 93 jährigen Dame gesungen werden. So hatten es sich ihre Kinder gewünscht. Und jetzt aber der Musiker dazu: Die singen doch alle nicht mit.
Die spielen nicht mit. Die machen nicht mit. Auf die kannst du dich sowieso nicht verlassen. Woher wissen wir das eigentlich alles immer so genau? Natürlich, liebe Hörerinnen und Hörer, man hat so seine Erfahrungen. Bei Beerdigungen kennt kaum einer noch die Melodien. Schon unter Kindern liegen die Spielregeln fest, wer dabei ist und wer sich besser verziehen sollte. Dann gibt es die Enttäuschungen von Seiten der Nachbarn, die sich aus allem heraushalten. Und - man ist schließlich gebranntes Kind gibt es noch die Kollegin, die alles liegen lässt. So sind die eben.
Wie schön, hätte mein Organist doch genauso gut sagen können, da setzt sich heute noch jemand hin und sucht drei Lieder zur Trauerfeier aus. Das gibts also auch noch. Nein, das sagte er nicht. Er entschied sich lieber für die Theorie des halbleeren Glases. Was wir im Übrigen oft genug selber einüben: Erst mal gucken, was fehlt. Erst mal meckern. Immer erst das Schlimmste denken. Warum? Nun, dann wird man wenigstens nicht enttäuscht. Und kommts anders, naja, dann kann man immer noch weitersehen; sich vielleicht sogar vom Gegenteil überraschen lassen. Aber die Stimmung dazu ist erst mal futsch.
Der Bibel ist solche Miesepetrigkeit ziemlich fremd. In Demut achte einer den andern höher als sich selbst. sagt sie in altmodischer Wendung. Und dahinter steht die Überzeugung: Fühlst du dich von Gott ausgezeichnet, dann steh das doch bitte auch anderen zu. Selbst den Mitsängern in der Kapelle. Auch mit ihnen kann Gott nämlich Wunder tun. Jedenfalls hat er das bei dir ja auch schon ein paar Mal bewiesen. Ein halbvolles Glas kann Gott zum fröhlichen Sprudeln bringen. Die andere kann mehr, als Du denkst und ihr zutraust. Höher als Du - kann die singen. Warts ab.
Alles andere ist Gift für Beziehungen. Wer von vornherein immer genau weiß, wie andere sind, schließt sich selber von jeglicher Vorfreude aus. Und schlimmer noch: Er oder sie gesteht dem Gegenüber keine Chance, keine Entwicklung, kein Wunder zu. Und dann ist es tatsächlich kein Wunder, wenn in solcher Atmosphäre nur noch verkrampfte Töne erklingen. Vorahnung alles Übels tötet Leben ab. Jesus sah das genauso. Nicht erst ein Mord beendet Lebenschancen brutal. Sondern diese Haltung: Der ist doch viel zu blöd dazu. Die können doch gar nicht singen.
Es geht auch anders. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Originalton die Bibel, die sich noch Wunder was von anderen verspricht. Also fangen neugierige, nette Begegnungen wohl nicht erst dann an, wenn ich andere zu ihrem - und meinem - Schaden nicht mehr einenge; sondern - so Martin Luther - wenn ich mein Gegenüber entschuldige, Gutes von ihm rede und alles zum Besten kehren. So hat Luther nämlich das Gebot Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten ausgelegt. Bösen Leumund vermeiden reicht da allein nicht aus. Man darf schon stimmungsmäßig mit dafür sorgen, dass sich die anderen von ihrer besten Seite zeigen können.
Das haben im Übrigen dann trotzdem die Kinder und Enkel und Urenkel in der Kapelle mit ihrem Gesang ziemlich laut und schön gemacht. Und, ob er es nun wollte oder nicht, damit dem Organisten eine zweite Chance gegeben. Die hat er dann tatsächlich doch noch genutzt und zum Schluss sein schönstes Nachspiel gegeben: Jesus bleibet meine Freude.
Bestes denken
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