Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.02.08, Pfarrer Max Koranyi

Abschreiben

Wenn ich nicht so unordentlich wäre, hätte ich ihn nie gefunden. Jetzt aber kam ich selber nicht mehr durch die halbhohe Kommode durch.

Vorne hatten sich ineinander geschobene Klaviernoten verhakt. Auf dem unteren Regal stapelten sich drei Aktenhaufen unterschiedlichster Sitzungen, unsortiert versteht sich. Und links daneben Zitatenbücher meines Lieblingsschriftstellers Theodor Fontane. Kreuz und quer, als ob sie über sich selber gestolpert wären. Kein Wunder also, dass das, was ich wirklich suchte, Reclams Schauspielführer nämlich, nirgends aufzutreiben war. Also musste alles raus. Und das habe ich dann auch gemacht. Den Boden vor dem Schrank mit seinem eigenen Inhalt bedeckt.

Zu meinem Glück. Denn hinten war ein Brief heruntergerutscht. Ich glättete die drei doppelseitig eng beschriebenen Blätter und schaute auf das Datum: Zeist, Samstag, 28.November 1959. Sieh an, dachte ich, ein Brief meines niederländischen Großonkels Willem van Slingelandt, „Oom Pim“ genannt. Er war wohl aus meinem „Baby-Buch“ gefallen, in dem ich wesentliche Dokumente seit der Geburt sammelte. Der Brief - an meine Schwester Susi und mich adressiert- begann auf Niederländisch und versprach, regelmäßig Geschichten zu schicken, diesmal kein Märchen und auch keinen biblischen Text, sondern eine Legende. Die stehe irgendwie zwischen beiden. Dann aber ging es auf Deutsch weiter: „Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir.“

Ich erkannte den Text wieder. Eine der Christuslegenden von Selma Lagerlöff. Aber was mich beim Auffinden des Dokumentes viel mehr noch faszinierte, war dies: da setzte sich ein Großonkel vor fast 50 Jahren hin und schrieb Wort für Wort für uns diese Legende ab.  Gut, werden Sie jetzt, liebe Hörerinnen und Hörer, sagen, damals standen noch keine Kopierer überall herum. Aber ich glaube, Oom Pim hätte darauf verzichtet. Ihm schien es wichtig, Buchstabe für Buchstabe für uns aufzuzeichnen; dabei die Geschichte auch für sich noch einmal nachzuvollziehen; und so durch persönlichen Schreibeinsatz anderen Menschen ein lebenswichtiges Gut weiterzugeben.

Da saß ich also am Boden zwischen Noten und Akten und dachte: Genau so muss es wohl den Schreibern der Heiligen Schrift ergangen sein. Denen muss irgendwann einmal auch etwas ganz zu Herzen gegangen sein. Ein Blick auf einen schneebedeckten Berggipfel. Oder eben auch ein Blick in einen Stall. Und dann wollten sie diesen Eindruck ihren Freunden und Kindern weitergegeben. Also haben sie sich hingesetzt und ihr Glaubenserlebnis in Stein geritzt oder auf Papyrus gemalt. Und den Kindern hat’s gefallen und sie haben gemeint, dass sollte für ihre eigenen Nachkommen erhalten bleiben, am Besten in einer Buchrolle aufbewahrt. Haben deshalb selber alles noch einmal fein säuberlich abgeschrieben. Und gespürt, was für einen Schatz sie gerade dabei unter der Feder bewahrten. 
 
Im Mittelalter dann froren sich Mönche die Fingerspitzen ab, vor allem beim Malen der großen Anfangsbuchstaben, der Initialen. Und in einem der vielen Kriege, die danach kamen, haben Menschen anderen Menschen zum Trost einzelne Verse abgeschrieben. Mit der Hand. Aus dem Herzen. Und weil sie alle so treu abschrieben, darf ich heute vor meinem Schrank sitzen und auch mich ganz beglückt beschenken lassen. Denn als Anhang zur handgeschriebenen Legende, die Oom Pim für uns Satz für Satz kopiert hatte, stehen wie selbstverständlich ebenfalls Worte aus der Schrift. Und so schreibt er selber zuletzt: „Diejenige, die die Christuslegende verfasst hat, Selma Lagerlöff, hat selber immer wieder einige Zeilen aus der Bibel herausgeschrieben; aber was eigentlich noch mehr zählt, sie hat ganz fest an sie geglaubt. Wie an den Satz „Gott hat Dich von ganzem Herzen lieb.“ (aus Johannes 3,16). Das könnt Ihr jetzt auch selber abschreiben und auswendig lernen, nicht unbedingt die Zahlen der Bibelstelle; das zeigt nur, dass es keine Wörter vom Onkel sind, sondern dass es Gottes Wort ist. (Gott unterstrichen!) Es ist interessant, so ein Wort von Gott in der Bibel selbst heraus zu finden! Dag! lieber Max und Susi, Ihr Onkel Pim.“

 

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