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Verständnis
Man muss schon gut überlegen, zu wem man geht, wenns gar nicht mehr geht. Was ich damit sagen will: Nicht jeder Gesprächspartner tut einem in der Not gut.
Äußerlich gesehen leben wir ja in Zeiten, die recht viele Hilfsangebote zum Aussprechen bereithalten. Es sind längst nicht mehr nur wir Seelsorger, denen sich Menschen mit Kummer anvertrauen. Ein breites Netz von Beratungsstellen und Gesprächstherapien fängt auf, wenn man reden will und auf fremde Hilfe vertraut.
Zu der Frau würde ich gehen, wenn ich einmal nicht mehr weiter weiß, dachte ich neulich, als eine ältere Dame unsere Kirche betrat. Irgendetwas muss sie ausgestrahlt haben, das meine Zuneigung weckte. Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, werden vielleicht durch eine ähnliche Begegnung angerührt gewesen sein, die es Ihnen erleichterte, anderen Menschen ihr Herz auszuschütten. Ist es nur empfundene Sympathie oder das Wissen um gemeinsame Interessen oder die Achtung vor dem Können des anderen?
Nun, was ich zunächst einmal sehr genau weiß, ist schlichtweg dies: Nämlich wer mir alles in Notlagen nicht gut tut. Das sind die, die scheinbar nie in ähnliche Täler hineinfallen. Und die dann auch immer gleich - manchmal gar lächelnd - die besten Ratschläge zur Hand haben, wie man da ganz schnell wieder rauskommen kann. So wie sie es jedenfalls immer schaffen. Aber das klappt beim Menschen, der gerade in der Grube liegt, in den seltensten Fällen. Ich glaube, gerade wir professionellen Gesprächspartner müssen äußerst wachsam sein, um nicht zu solch oberflächlichen Tippgebern zu verkommen. Äußere Hilfestellungen allein reichen also nicht aus, was aber dann?
Es gibt eine anrührende Stelle in einem Brief, den der Apostel Paulus verfasst hat. Da schreibt er sinngemäß: man kann eigentlich nur dann andere wirklich trösten, wenn man vorher selber getröstet worden ist. Von Gott. Von Menschen. Ich glaube, dieses Gefühl war es auch, dass mich auf die Dame in meiner Kirche aufmerksam gemacht hatte. Ich spürte, sie hatte wohl selber einiges in ihrem Leben zu bewältigen gehabt. Sie würde mir nicht als Besserwisserin gegenübersitzen, die unbeschadet alle Klippen des Lebens umschifft hatte. Sie würde mich verstehen, weil sie selber mehr als einmal in Lebens-Seenot geraten war. Also würde sie mich nicht beurteilen. Sie wüsste sehr wohl darum, wie schwer manchmal Auswege zu finden und - schwerer dann noch - auch zu gehen sind. Und: Sie hätte erfahren, dass man dafür vor allem viel Verständnis und Trost von anderen Stellen braucht. Von Oben. Und von der Seite.
Der frühere Pfarrer und Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz hat in einem seiner Lebensberichte sinngemäß geschrieben, manches müsste man schon selber erlebt haben, um andere richtig verstehen zu können. Und er verwies dabei auch auf seinen Gefängnisaufenthalt im Dritten Reich. Was es heißt, wenn einem die Freiheit genommen wird, kann ja wirklich nur derjenige nachvollziehen, dem Ähnliches widerfahren ist. So denke ich manchmal: Gerade die schweren Zeiten in meinem Leben, Abschiede, Krankheiten, Enttäuschungen haben mir Verständnis eröffnet für Menschen in vergleichbaren Situationen. Sie waren nie leicht, aber verscheuchten als meine ernsten Lehrer alle Überheblichkeit und Rechthaberei anderen Leidenden gegenüber.
Paulus wusste auch, wie Leiden sich anfühlt. Eine unerklärliche Krankheit quälte ihn endlos wie ein Teufel, der ihn schlug. Sie wurde ihm nicht abgenommen. Aber durch diese Erfahrung seiner menschlichen Begrenzung hindurch hörte er den göttlichen Satz: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Diese Überlebenskraft mitten in eigenen Schwächen hat Paulus dann auch anderen Schwachen sehr glaubwürdig vermitteln können. Dabei tröstete er mit dem Hinweis auf Gottes Gnade, die all unsere Grenzen weit übersteigt. Wenn man solche Menschen findet, die auch heute davon etwas ausstrahlen, dann wird unsere Not schon bei deren ersten Blick und Wort ihren Rückzug antreten müssen.
Verständnis
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