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Jesus auf dem Prüfstand
Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy, Denn er hat seinen Engeln befohlen, Kirchenwerke V,Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius, Track 15, Carus 83.203
Felix Mendelsohn Bartholdy: Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen
(Chor aus: Elias)
Autor: Es ist ein Wort aus dem 91. Psalm, das Felix Mendelssohn Bartholdy in seinem Oratorium über den Propheten Elias vertont hat:
Sprecher: Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Autor: Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Mein Name ist Henning Theurich, evangelischer Pfarrer aus Bonn. Heute am Beginn der Passionszeit hat dieses schöne Wort von Gottes Schutzengeln eine besondere Bedeutung; denn es steht nicht nur im Alten Testament, sondern auch in der Geschichte von der Versuchung Jesu; eine Geschichte, in der Jesus sozusagen auf dem Prüfstand steht. Warum? Damit wir wissen, was wir von ihm zu erwarten haben - und was nicht.
Sprecherin: Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Autor: Ich war noch ein Kind, als ich diese Geschichte zum ersten Mal gehört habe. Natürlich habe ich Jesus bewundert, wie er dem Teufel widerstanden hat. Aber insgeheim habe ich es doch auch bedauert, dass Jesus so gar nichts von seiner Macht gezeigt hat. Warum hat er nicht wenigstens ein paar Steine in Brot verwandelt? Die Hungernden und die Armen hätten sich doch gefreut! Und warum hat er sich nicht einfach vom Dach des Tempels fallen lassen? Die Engel waren doch schon zur Stelle, um ihm zu dienen und ihn aufzufangen! Und warum hat er sich nicht die Herrschaft über alle Reiche der Welt übertragen lassen? Sicher, den Kniefall vor dem Teufel hätte ich Jesus gerne erspart. Aber wäre das denn so sehr ins Gewicht gefallen gegenüber dem Gewinn an Macht, am Ende vielleicht auch an Macht über den Teufel selber?! Und überhaupt: wäre es dann nicht leichter, ihm den Gottessohn zu glauben?
Kindliche Gedanken, sicher! Heute habe ich gelernt, dass es sich bei dieser Geschichte um eine Legende handelt und dass es den Teufel in Person so gar nicht gibt, dafür aber genug Höllen schon jetzt. Doch wenn bei der Taufe eines Kindes wieder einmal von Jesus gesagt wird: Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, dann frage ich mich manchmal schon: Warum eigentlich ist von dieser Gewalt so wenig zu spüren? Warum zeigt sie sich nicht offen und sichtbar? Warum gibt es soviel Hunger, soviel Elend, soviel Leid? Warum nehmen die Kriege kein Ende? Warum gibt es so viele Höllen? Warum sind Menschen immer wieder gezwungen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, sprich: Gewalt mit noch größerer Gewalt zu beantworten? Warum macht Jesus keinen Gebrauch von seiner Macht und durchbricht diesen Teufelskreis der Gewalt?
Jesus hat das abgelehnt und als Versuchung von sich gewiesen. Er wusste, dass er einen anderen Weg zu gehen hatte. Seine ihm von Gott gegebene Gewalt hat nichts zu tun mit der Gewalt dieser Welt, die immer nur neue Opfer verlangt und hervorbringt. Diese Gewalt haben wir bei ihm nicht zu erwarten. Sondern eine andere, von der der Schweizer Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti gesagt hat:
Sprecher: Anders, österlich anders seine Gewalt: Wärmestrom mitten im Winter noch der Geschichte! Taut gefrorene Herzen auf, durchbricht von unten her das Eis jeder Herrschaft, so dass Gebeugte ihr Haupt wieder heben, voll Hoffnung, voll Mut. Autor: Wäre Jesus überhaupt dazu in der Lage gewesen, die Experimente des Versuchers nach dessen Wunsch ausgehen zu lassen? Ich meine: nein! Vielmehr nehme ich an, dass Jesus keinen einzigen Stein hätte in Brot verwandeln können und dass er sich bei einem Sprung vom Dach des Tempels zu Tode gestürzt hätte. Oder sollte man meinen, wenn Jesus Gottes Sohn ist, dann hätte er wenigstens seinem Vermögen nach dazu in der Lage sein müssen, auch wenn er das in der Versuchung von sich gewiesen hat? Manche denken vielleicht auch, Jesus habe das Ansinnen des Teufels nicht grundsätzlich von sich gewiesen, sondern gewissermaßen nur vorläufig und zeitweise, bis er seine geheime Mission erfüllt hat am Kreuz. Mit Ostern aber sei die Zeit seiner Ohnmacht endgültig vorbei und es sei gar nicht so teuflisch, auch in der Kirche die Machtfrage neu zu stellen. Nein, so geht das nicht! Sondern die Geschichte von der Versuchung Jesu sagt uns klar und deutlich, was wir von Jesus grundsätzlich nicht zu erwarten haben: keine Zauberei, keine Mirakel, keine Spektakel und keine Macht der Welt, die einfach so vom Himmel fällt und alles wieder in Ordnung bringt. Das alles müssen wir uns aus dem Kopf schlagen! Aber das ist nicht so leicht; denn unser Kopf ist von Gedanken an die Macht besetzt. Der Schriftsteller Kurt Wolff sagte dazu:
Sprecher: Wer genießt nicht gern sein Stückchen Macht? Wer kennt nicht den Konkurrenzdruck und den Gebrauch der Ellenbogen? Wer von uns Alphabeten fühlt sich nicht überlegen zum Beispiel gegenüber den Analphabeten? Wer erwartete nicht gern das Wunder, dass aus Steinen Brot, dass aus Arbeitslosigkeit Arbeitsmöglichkeit und aus Hungernden Satte werden? Wir Leute in deiner Kirche, Herr, sprechen gern nach, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von deinem Wort. Wer aber sagt denen das helfende Wort, die kein Brot zum Leben haben? Musik
Autor: Jesus auf dem Prüfstand: Was dürfen wir von ihm erwarten? Antwort: einen freien und ungezwungenen Glauben an Gottes Macht, die anders ist als die Mächte der Welt, nämlich den Glauben an die Macht der Liebe. Das ist es, was auch Dostojewski vor über hundert Jahren in seiner Legende vom Großinquisitor geschrieben hat. Die Legende eingefügt in den Roman von den Brüdern Karamasow - spielt im 16. Jahrhundert zur Zeit der Inquisition in Spanien. Dorthin kehrt Jesus auf die Erde zurück und wird schon bald vom Großinquisitor als Störenfried verhaftet und verhört. Er erklärt Jesus, dass er kein Recht habe zurückzukehren und die jahrhundertealte Ordnung der Kirche zu stören. Während Jesus nur schweigt, wirft er ihm vor, dass er damals dem Versucher die Wunder verweigert habe; denn der Mensch brauche Wunder, um zu glauben:
Sprecher: Da der Mensch nicht imstande ist, ohne Wunder auszukommen, so wird er sich neue Wunder schaffen, eigene Wunder, und wird sich vor den Wundern der Zauberer und Hexen beugen, mag er auch hundertmal ein Rebell, ein Ketzer und ein Atheist sein. Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen, als dir spottend und höhnend zugerufen wurde: Steig herab vom Kreuze, und wir werden glauben, dass du Gottes Sohn bist. Du bist nicht herabgestiegen, weil du wiederum den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest und einen freien Glauben wünschtest, keinen Wunderglauben. Du wünschtest eine freie Liebe und nicht das sklavische Entzücken des Unfreien über eine Macht, die ihm ein für allemal Schrecken einflößt.
Autor: Dieser freie Glaube aber, so meint der Großinquisitor, überfordert die Menschen hoffnungslos.
Sprecher: Es wird damit enden, dass sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und zu uns sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden schließlich begreifen, dass beides, Freiheit und genügend Brot für jeden, zusammen undenkbar sind; denn niemals, niemals werden sie verstehen, untereinander zu teilen!
Autor: Hat der Großinquisitor Recht? Die Frage ist bis heute weder beantwortet noch veraltet. Und bis heute ist seine Behauptung leider nicht widerlegt, dass die Menschen es niemals verstehen werden, untereinander zu teilen.
3. Musik
Autor: Die Erzählung von der Versuchung Jesu durch den Teufel macht klar, was von Jesus zu erwarten ist: keine Zauberei und kein Glaube aufgrund von Wundern, sondern der freie und ungezwungene Glaube an Gottes Macht, die eine Macht der Liebe ist. Aber wie steht es nun mit dem schönen Wort von den Schutzengeln aus dem 91. Psalm: Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Im Munde des Teufels wird dieses Wort für Jesus zur Versuchung, der er widersteht: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen! Dennoch frage ich mich, ob das Wort von Gottes Schutzengeln nur eine poetische Übertreibung ist, die man nicht wörtlich nehmen darf, oder ob diesem Wort auch eine Wahrheit entspricht, auf die man sich verlassen kann. Da muss man schon genau hinschauen. Und genau besehen ist es so, dass der Teufel in seinem Bibelzitat ein Wort einfach unterschlägt, nämlich das Wort von den Wegen:
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Das ist auch dem Reformator Johannes Calvin aufgefallen, der ein genauer Exeget war. Er schrieb dazu:
Sprecher: Wollte jemand tollkühn springen und mehr anpacken, als Gott ihm erlaubt, um gewissermaßen gegen Gottes Willen über die Wolken zu fliegen, so dürfte er sich nicht versprechen, dass die Engel ihm bei dieser Tollkühnheit beistehen würden. So scheint der Satan dies kleine Wort: Wege in seiner List unterschlagen zu haben.
Autor: Fazit: Der christliche Glaube hebt nicht ab, er hängt nicht in der Luft und er schwebt nicht über den Wolken, sondern er bleibt unterwegs im Vertrauen auf Gottes Macht. Und das ist oft anstrengend. Oder um es noch einmal mit Johannes Calvin zu sagen: Allerdings sieht man nichts davon, dass die Gläubigen in die Lüfte gehoben werden; sie müssen vielmehr oft keuchend und müde sich auf dem Wege dahinschleppen. Und damit wären auch wir schon in einer Passionszeit, in der auch unser Glaube auf die Probe gestellt wird, ob er als Wunderglaube schnell hinfällt, oder ob er auch ohne Wunder standhält, weil er von Gott gehalten wird. Dann ist das Wort aus dem 91. Psalm kein bloßer Wunsch, sondern eine Wahrheit, die erfahren werden kann: Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Dies zu erfahren wünsche ich Ihnen auch an diesem Sonntag! Mein Name ist Henning Theurich.
Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy: Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen
Jesus auf dem Prüfstand
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