Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.02.08, Pfarrerin Birgit Winterhoff

"Don´t look back - schau nicht zurück"

Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, lieber Hörer, „don´t look back“, steht auf der Geburtstagkarte. „Don´t look back“ – schau nicht zurück.

Das soll ein Geburtstagswunsch sein? Wo ich doch gerne an meinem Geburtstag auch zurückblicke. Eine Geburtstagskarte, die sich deutlich von der üblichen Glückwunschpost abhebt. Und mich beschäftigt. Auch ein wenig geärgert hat.

Soll ich mich etwa meiner Erinnerung schämen? Das will ich auf keinen Fall. Wir haben kein anderes Leben, als wir hatten. Was ist und was kommt, gehört uns noch nicht. Heute ist vieles im Fluss. Wie wird es werden? Und der Blick in die Zukunft ist uns verhüllt. Nur das Vergangene gehört uns und wir zu ihm. Wir haben es mitgestaltet im Guten wie im Bösen. Und es hat uns geprägt und fordert seine Zinsen ein, je älter wir werden.

Erinnern aber kann auch schwer erträglich sein. Da liegt manches beieinander, was wir gern verdrängen, vergessen möchten. Die Erinnerung redet gleichermaßen von dem, was gelungen ist wie von dem, was ich versäumt habe.  Sie stellt mir Frieden und Streit, Lob und Klage, Aufbruch und Scheitern, Glück, Leid und Tränen vor Augen. „Don´t look back“?

Wir kommen aber von uns selbst nicht los, auch wenn wir uns in die Arbeit flüchten, die Zerstreuung suchen oder einfach den Kopf in den Sand stecken. Erinnerung soll uns nicht gefangen nehmen, nicht an die alten Zeiten binden. Das ist schon richtig. Wir sind nicht zu Archivaren unserer Vergangenheit bestimmt, die immer wieder neu die alten Erinnerungsstücke abstauben. Aber erinnern lohnt sich, wenn dadurch der Blick für die Gegenwart geschärft und Platz für den Neuanfang geschaffen wird. Lebensbilanz und Lebensplanung gehören zusammen.

Meine Geburtstagskarten enthalten oft ein Psalmwort: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Nein, wir wollen nicht vergessen. Wir wollen uns und einander erinnern. Gottes Wohltaten liegen nicht immer am Tage, aber man kann seine Spuren entdecken. Da muss man stehen bleiben und zurückschauen. Und auch die Mütter und Väter, Großmütter und Großväter  fragen. Die, die vor uns im Glauben gelebt haben und daraus immer wieder die Gegenwart begriffen und die Zukunft gestaltet haben. Davon kann man sich anstecken lassen, wenn man sich recht erinnert. Solches Erinnern entlastet. Solches Erinnern befreit. Solches Erinnern lässt hoffen.

Ein neueres Kirchenlied singt davon: „Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen,  Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen. Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen, Gott wird auch unsre Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“

 

Audiobeitrag "Don´t look back - schau nicht zurück"


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