Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.02.08, Pfarrerin Birgit Winterhoff

"Frau B und Herr M"

Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, lieber Hörer, In einem Kirchenlied heißt es: „Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen;

lass kein unnützlich Wort aus meinem Munde gehen; und wenn in meinem Amt ich reden soll und muss, so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn Verdruss.“

Diese Worte sind ein Gebet. Es kann den Blick öffnen für alle Begegnungen, die der Tag mit sich bringt. Für mich, die ich anderen begegne und für die anderen, die mir begegnen. Es kann befähigen zu reden, was gut tut. Was aufbaut. Was hilft und motiviert.

Wenn ich Frau B auf der Straße treffe, kann ich fast die Uhr danach stellen. Nach kurzer Zeit erzählt sie von ihrem ach so begabten und erfolgreichen Sohn. Von seiner überdurchschnittlichen Begabung. Von seiner Leistungsbereitschaft. Von seiner Beförderung, die wieder einmal schneller kam, als erwartet. Davon, wie beliebt er ist bei den Kollegen und bei den Vorgesetzten. Von seinen vielen Überstunden. Längst kenne ich auch jeden Quadratmeter seines Hauses in- und auswendig. Längst weiß ich, dass er die beste aller Ehefrauen hat und die süßesten Kinder dazu. Längst habe ich hundertmal Platz genommen in seinem wunderschönen neuen großen Auto. Frau B und ihr erfolgreicher Sohn!

Wenn ich Herrn M auf der Straße treffe, kommt er bestimmt vom Arzt. Und zum hundertsten Mal zählt er ausführlich alle seine Beschwerden auf. Dass kein Medikament richtig hilft. Dass er von einem Arzt zum nächsten geht und keiner wirklich weiterweiß. Mal hat er dieses Leiden, mal jenes. Gegen die Beschwerden von Herrn M ist einfach kein Kraut gewachsen. Herr M und seine Krankheiten!   
„Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen; lass kein unnützlich Wort aus meinem Munde gehen; und wenn in meinem Amt ich reden soll und muss, so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn Verdruss.“

Wovon reden wir den lieben langen Tag? Von dem, worum unsere Gedanken und Gefühle kreisen? Von dem, was uns schon lange beschäftigt? Was uns wichtiger ist als alles andere? Wovon reden wir den lieben langen Tag? Von unseren Familiengeschichten und von unseren Krankheiten? Von unseren Sehnsüchten und unseren Wünschen? Von unseren Erfolgen und von unseren offenen Fragen? 
Nichts dagegen, das darf auch sein. Manchmal muss man einfach mal alles aussprechen. Das tut gut.

Aber Reden ist mehr als mitgeteiltes Selbstgespräch. Es zielt auf Antwort. Es nimmt den Gesprächspartner in den Blick. Wie geht es ihm? Was beschäftigt ihn? Braucht er Zuspruch? Ein aufmunterndes Wort? Oder vielleicht nur einen dankbaren Zuhörer? Jemanden, der sich in seine besondere Situation einfühlt und mitleidet? Dann kann es gelingen, dem Rat des Apostels Paulus zu folgen: “Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten könnt.“ ( Kol. 4, 6 )

 

Audiobeitrag "Frau B und Herr M"


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