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"Karfreitagserinnerung am Freitag"
Guten Morgen, liebe Hörerin, guten Morgen, lieber Hörer, es war an einem Freitagmorgen um 6.40 Uhr. Ich war zu spät aufgestanden, hatte die Zeit zu knapp geplant.
Eine um wenige Minuten verpasste S Bahn brachte mir fast eine Stunde Wartezeit auf den nächsten Zug. Der Bahnhof voller Leben voller Menschen. Die Frau, die zwischen dem schreienden Kind im Kinderwagen und dem zu großen Handgepäck zu jonglieren versuchte, um ihren Zug zu erreichen. Der Mann, der hinter dem Müllcontainer die Flasche Magenbitter auf Ex runterkippte. Die junge Fixerin, die verzweifelt ihr Geld für den nächsten Schuss zusammenbettelte. Die Herren mit den maßgeschneiderten Anzügen und Staubmänteln überm Arm, den Aktenkoffer in der Hand, dazu den Spiegel oder Die Zeit. So strebten sie dem Erste-Klasse-Bereich des ICE zu.
Das ältere Ehepaar, das sich zum dritten Mal auf dem Wagenstandsanzeiger vergewisserte, dass sie auf dem richtigen Gleis im richtigen Bereich auf ihren Zug warteten. Der jüngere Mann, der völlig durchgefroren war. Offensichtlich hatte er die Nacht im Freien verbracht. Er bittet mich um eine Tasse heißen Kaffee zu seinem Käsebrötchen. Menschen unterwegs auf einem Bahnhof. Ihre Gesichter, ihre Blicke erzählen von unterschiedlichen Lebenswegen, von Enttäuschungen und Hoffnungen. Endstation für die einen, Zwischen- oder gar Aufbruchstation für die anderen. Schicksale an einem Freitagmorgen.
Als ich endlich in meinem Zug sitze und der Bahnsteig mit den Menschen langsam zurückbleibt, fällt mir ein Satz ein, den ich wenige Tage zuvor gelesen hatte: Jeder Freitag ist eine Karfreitagserinnerung. Wenn das stimmt, dann ist so ein Bahnhof wohl eine Kreuzwegstation der besonderen Art. Alles, was es da in dieser Welt und in meinem Leben wahrzunehmen, zu ertragen und zu erleiden gibt, ist im Kreuz Jesu Christi umgriffen.
Drängt sich zusammen auf den einen, der Gott vertritt. Gott an unserer Seite. Jesus Christus, unser gekreuzigter Bruder. Das Gesicht des Gekreuzigten. Ein Leidensgesicht unter vielen. Und doch ein besonderes Gesicht. Denn in diesem Gesicht sieht Gott selbst uns an. Er stellt sich an unsere Seite. Er teilt unser Schicksal. Er hängt sich daneben wo gelitten wird. Keine Qual der Welt, die er nicht kennt. Keine Träne, die er nicht auch weint. Kein Schmerz, von dem er unberührt bleibt. Im Gekreuzigten wird die Solidarität des Himmels mit den Leidenden anschaulich.
Im Kirchenjahr hat gerade die Passionszeit begonnen. Da kann es besonders erfahrbar werden: Jeder Freitag ist Karfreitagserinnerung. Keine Erinnerung an eine Endstation. Vielmehr Erinnerung an eine Zentralstation unseres Glaubens, das Bild vom mitleidenden Gott. Der Blick darauf gibt Hoffnung für den eigenen Weg und den Weg der anderen, die mit uns unterwegs sind. Er ermutigt, das Leben mit ihnen zu teilen, Halt und Hoffnung zu geben. Und Wegweisung. Damit aus Endstationen Aufbruchstationen werden zu einem neuen Leben.
"Karfreitagserinnerung am Freitag"
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