Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.02.08, Silke Janssen

O Haupt voll Blut und Wunden (eg 85)

Das Wort vom Kreuz ist für manchen Menschen eine Torheit, für andere ein Ärgernis - schreibt der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth.

Er meint damit: Jesus ist für unsere Sünden ans Kreuz geschlagen worden und hat mit diesem Opfer Gott mit uns versöhnt. Ein Gedanke, der damals wie heute anstößig ist. Wie kann das sein: ein Mensch stirbt für meine Sünden, wo ich doch nichts Böses getan habe? Es ist doch größenwahnsinnig zu behaupten: ein Mensch nimmt die Last der ganzen Welt auf sich.

Und überhaupt - es kann doch nicht sein, dass ein allmächtiger und barmherziger Gott so etwas zulässt. Dass er seinen eigenen Sohn durch ein Gerichtsverfahren laufen lässt, bei dem er nicht die geringste Chance hatte. Weil die Machthaber an den Fäden gezogen haben und das Volk aufgewiegelt war. Wie konnte Gott es zulassen, dass sein Sohn zum Tode verurteilt und an das Kreuz geschlagen wurde. Dass er gequält wurde, gelitten hat - und starb. 
       
Das Wort vom Kreuz ist für viele Menschen auch ekelhaft. Man muss nicht den Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson gesehen haben, um sich vorzustellen, was Jesus unter der Folter erlitten hat. Da reichen schon die Bilder, die wir heute in den Nachrichten von gefolterten und gequälten Menschen sehen. Und dann noch der Tod am Kreuz. Kaum vorstellbar. Qualvoll und grausam.

Der Liederdichter Paul Gerhard hat sich 1656 in die Situation hineinbegeben. Er hat sich in Gedanken vor den sterbenden Jesus am Kreuz gestellt und seine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht. Er hat ihm quasi einen Brief geschrieben
      
Sprecher: O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn
O Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron.
O Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
Jetzt aber höchst schimpfieret: Gegrüßet seist Du mir.
   
Choral 1. Strophe.: O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn
O Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron.
O Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
Jetzt aber höchst schimpfieret: Gegrüßet seist Du mir.

Autorin:  Hans Leo Hassler schrieb die Melodie dieses Liedes. Sie war allerdings nicht für ein Passionslied gedacht. Sie war gedacht für ein ganz normales Lied über Liebeskummer. Aber wie so oft übernahm die Kirche bekannte Melodien und schrieb einen neuen Text dazu.

Den endgültigen Schliff bekam das heute wohl bekannteste Passionslied aber erst im Jahr 1727, als es Johann Sebastian Bach in seine Matthäus-Passion einfügte. Und zwar mit Bedacht. Denn damals war es üblich, dass die Zuhörer mitsangen und auch mitsingen sollten. So waren sie aktiv eingebunden, mussten mitdenken – und auch mitfühlen. 

Choral 2. Strophe: Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte, wie bist du so bespeit!
Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht’t? 
     
Autorin: Die neidischen Machthaber aus Politik und Kirche haben erreicht, was sie wollten. Jesu Körper ist zerschunden, sein rebellischer Mund verschlossen, sein aufmüpfiges Wesen gebrochen. Das, was ihn ausmachte, ist dahin. Die Evangelien berichten von ihm und seinem Aussehen. Von seinem Gesicht, vor allem von seinen Augen, muss eine gewisse Autorität, Würde und Eleganz ausgegangen sein. Viele Menschen fassten sofort Vertrauen zu ihm. Andere konnten seinem Blick nicht standhalten. Die Soldaten, die ihn verhaften sollten und mit Spießen, Stangen und Stricken kamen, um ihn zu fangen, waren über seine hoheitliche Ausstrahlung  so erschrocken, dass sie zu Boden fielen

Dieser Mensch hängt nun am Kreuz. Er ist bespuckt, halb nackt. Man hat ihm eine Dornenkrone aufgesetzt und Blut läuft ihm auf die Stirn. Man hat ihm die Handwurzel und Fußwurzeln durchbohrt, ihn ans Kreuz genagelt und gebunden. Erniedrigt.       

Choral 4. Strophe: Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last;
Ich hab’ es selbst verschuldet, was du getragen hast,
Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat;
Gib mir, oh mein Erbarmer, den Anblick Deiner Gnad’!

Autorin: Das Wort vom Kreuz ist ein Ärgernis. So, wie diese Strophe Widerspruch hervorruft. Was habe ich getan, dass ein anderer so leidet? Ich bemühe mich um ein redliches Leben. Da muss keiner unter mir leiden.

Aber - wir nehmen nicht wahr, dass wir tagtäglich doch andere Menschen verletzen oder schädigen. Bewusst oder unbewusst. Sie quasi ans Kreuz schlagen. So wie damals werden Menschen Opfer unseres Zorns und unserer  Enttäuschung. Sie müssen oft ausbaden, was unsere Launen an Blüten treiben. Wer wenn nicht wir sind dafür verantwortlich – doch kein anderer!

Sprecher: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.

Autorin: Das Wort vom Kreuz ist ein Ärgernis. Denn die Menschen möchten diese Gnade Gottes nicht. Sie wollen dieses Wort und Gottes Geist nicht.

Aber genau das ist es, worum es Karfreitag geht. Jesus ist für die Schuld der Welt gestorben, für die Fehler, die wir machen, für die Verletzungen, die wir andere Menschen antun. Damit hat er den Weg zu Gott wieder frei gemacht, der durch unsere Schuld versperrt wäre. Durch ihn können wir mit Gott sprechen wie zu einem Vater. Und das ist etwas, für das wir nichts tun müssen, sondern – es ist geschehen. Ganz einfach. Gott hat es geschehen lassen aus Liebe zu uns. Damit wir das ewige Leben erhalten. Deswegen kann Paul Gerhardt dichten: 

Sprecher: Ich danke Dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund,
für dieses Todes Schmerzen, da du’s so gut gemeint. 
Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu
und wenn ich nun erkalte, in dir meine Ende sei!
      
Autorin: Paul Gerhardt schaut auf seinen eigenen Tod. Aber nicht als Letztes. Sondern in der Gewissheit des ewigen Lebens. In der Gewissheit der Auferstehung. Und so bittet er in der letzten Strophe um die Kraft, in der eigenen letzten Stunde auf Jesus blicken zu können und in Ruhe und getröstet zu sterben.

Choral 10. Strophe: Erscheine mir zum Schilde, zum, Trost in meinem Tod,
und lass mich sehr dein Bilde in deiner Kreuzesnot!
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Das war Kirche in WDR 3 mit Silke Janssen aus Essen über den Choral “O Haupt voll Blut und Wunden“. Es sang das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter.

Audiobeitrag O Haupt voll Blut und Wunden (eg 85)


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