Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.02.08, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

150 Jahre Lourdes I

„Glauben Sie an Wunder“? Dann ist für Sie heute vielleicht ein besonderer Tag: 150 Jahre Lourdes.

In der Nähe des kleinen südfranzösischen Ortes erschien in einer Grotte am 11. Februar 1858 dem 14-jährigen Hirtenmädchen Bernadette Soubirous die Jungfrau Maria, so wird gesagt. Hunderttausende Kranke und Behinderte sind seitdem nach Lourdes gepilgert, vor allem wegen des Quellwassers, dem heilende Wunderkräfte nachgesagt werden. Die Zahl der echten Wunderheilungen von Lourdes, die von der katholischen Kirche anerkannt wurden, nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus: 67 in 150 Jahren! Aber 67 Heilungsgeschichten, die, nach gründlicher Prüfung, nicht anders zu erklären sind, als durch ein Wunder, behauptet die 20köpfige internationale Medizinkommission von Lourdes.

Soll man das glauben? Kann man das glauben? Warum nicht? Sage ich als evangelischer Theologe nach gründlichem Nachdenken. Wer jedenfalls will sich hinstellen und behaupten, dass in dieser Welt alles rational erklärbar ist?!

Delizia Cirolli aus Sizilien ist zwölf Jahre alt und wiegt 22 Kilo, als ihre Mutter das Totenkleidchen für sie näht. Knochenkrebs im rechten Bein haben die Spezialisten von der Universität Catania diagnostiziert. Sie drängen auf sofortige Amputation. Doch die Familie lehnt die Behandlung ab. In ihrem Dorf beginnt man Geld für eine Wallfahrt zu sammeln. Delizia reist wenig später mit ihrer Mutter ins französische Lourdes und badet dort in der heiligen Quelle. Gegen Ende des Jahres ist Delizia so mager und schwach, dass sie das Bett nicht mehr verlassen kann. Aber das ganze Dorf betet für ihre Genesung. Dann, an einem Dezembermorgen, möchte sie überraschend auf die Straße – und legt vor der verblüfften Familie zwanzig Meter zu Fuß zurück. Das Mädchen blüht plötzlich auf, ohne Therapie. Im folgenden Frühjahr ist der Krebs verschwunden.

Zweifellos ein Wunder. Die Frage ist für mich: Sind solche unerklärlichen Heilungen biologischer Zufall oder tatsächlich von Gott gewollt und bewirkt?

Hat Gott die Gebete einer Familie und eines ganzen sizilianischen Dorfes erhört? Ich glaube, ja. Und weiß gleichzeitig wie quälend die Frage ist: Warum erhört Gott dann nicht jedes Gebet um Heilung? Sind seine Wunder bevorzugt mit Orten wie Lourdes verbunden? Warum werden dann nicht alle gesund, die nach Lourdes pilgern und im heiligen Wasser baden?

Mein Plädoyer in dieser Sache lautet: Glauben und bescheiden sein! Ja, ich will glauben, dass Gott heilend eingreifen kann, so wie es in der Bibel mehrfach erzählt wird, zum Beispiel von Jesus, der Leprakranke, Blinde oder Gelähmte von ihrer Krankheit geheilt hat. Ich will Gott zutrauen, dass seine großartigen Möglichkeiten unseren kleinen menschlichen Horizont weit übersteigen.

Wenn das Wunder allerdings geschieht, bleibt seine Beurteilung immer zweideutig. Ich kann glauben, dass Gott geholfen hat, jemand anders sagt: biologischer Zufall. Keiner von uns beiden kann seine Auffassung beweisen. Und beide sollten wir uns in Bescheidenheit üben: Niemals lässt sich das Wunder herbeizwingen durch Gebete oder durch Handauflegen, auch nicht durch eine Pilgerfahrt nach Lourdes. Wenn es geschieht, ist es Gnade und Geschenk, nach meinem Verständnis: Gottes Gnade und Geschenk. Wie bei Delizia Cirolli, die heute 43 ist, als Krankenschwester arbeitet und selber drei Kinder hat.

 

Audiobeitrag 150 Jahre Lourdes I


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