Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.02.08, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

Pirat sein im wirklichen Leben

Schon wieder war der Pirat das beliebteste Kostüm im Karneval. Was waren Sie letzte Woche? Ich war gar nichts. Ich bin da eher der Karnevalsmuffel.

Aber ich verstehe sie gut, die Lust am Verkleiden, für ein paar Tage oder ein paar Stunden jemand anderes zu sein. Jetzt ist der ohnehin kurze Spaß wieder vorbei, die Fastenzeit hat begonnen und Sie können wieder Sie selber sein.

Können wir das tatsächlich? Kann ich das? Ich selber sein? Mich geben, so wie ich bin? Viel zu selten! Das wär‘ schön, wenn man zum Beispiel einfach das Gesicht machen könnte, wie einem gerade zumute ist. Aber das erlauben sie einem kaum, die Mitmenschen, die Kollegen. Du betrittst Montagfrüh das Büro und alle erwarten ein freundliches „Guten Morgen“, auch wenn Dir gar nicht danach ist.

Und die Mutter, die alles geduldig erträgt: das Babyschreien in der Nacht, das Chaos in der Küche, die Berge von Wäsche und unerledigtem Papierkram, und die trotzdem immer nett und zuvorkommend sein soll. Wird sie sich wehren, diese Mutter? Oder wird sie die gewünschte Maske so lange tragen, bis sie ihr angewachsen ist? Und der Vater, wird er die ihm zugedachte Rolle spielen und durchhalten? Cool, stark, männlich, überlegen, ein Vorbild für die Kinder? Die Kinder? Sie sollen brav sein und immer schön „Danke“ sagen, wenn die Oma etwas gebracht hat.

Und die Chefs in der oberen Etage tragen ihr „Unfehlbarkeitsgesicht“ - strotzend vor Kompetenz und Sachkenntnis, auch wenn gerade einiges schief läuft bei dem, was sie eingefädelt haben. Die Angestellten werden, wenn’s drauf ankommt, das „Aber-gern-Chef-Gesicht“ aufsetzen, diese einzigartige Mischung aus Ergebenheit und Berechnung.

Und wir Pfarrer, wir Kirchenleute? Wir kriegen ein Gesicht verpasst - wie aus dem Bilderbuch: freundlich, verständnisvoll, immer aufgeschlossen und interessiert, für jeden ein gutes Wort, mit sympathischem Dauerlächeln, versteht sich.

Wann beenden wir diesen täglichen Maskenball? Wann haben wir den Mut, uns so zu geben wie wir sind? Wenn wir keine Angst mehr haben, unser Gesicht zu verlieren. Wenn wir unser Gesicht kennen und es zeigen und dazu stehen, auch dann wenn wir damit keinen Beifall ernten. Wenn wir sagen, was wir denken, und tun, was wir für richtig halten. Dazu musst Du stark sein, innerlich gefestigt, selbstbewusst.

So wie Abraham oder Mose oder Petrus oder andere Menschen, von denen in der Bibel erzählt wird. Sie alle sind konsequent ihren Weg gegangen, konnten sogar zu ihren Fehlern und Schwächen stehen, weil sie wussten: wir sind in allem, was wir zustande bringen oder auch nicht zustanden bringen, Gottes Geliebte.

Das „Von-Gott-geliebtsein-Gesicht, das ist stark und macht stark. Wenn Du einen hast, der Dich liebt, dann kannst Du dich geben, wie Du bist. Auch im Alltag. Dann brauchst Du keine Maske mehr.

Immer nur Lächeln und Freundlichsein wird’s dann nicht mehr geben. Im Gegenteil: Dann musst Du - auch im wirklichen Leben - manchmal Pirat sein. Mit der Faust auf den Tisch hauen, und einfordern, was Dir zusteht. Auch das ist okay, denn Gott liebt dich auch dann, wenn Du Dich ihm so zeigst, wie Du bist.

Audiobeitrag Pirat sein im wirklichen Leben


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