Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.02.08, Mark Christian Pollmeier

Frommes Graffiti

Was für ein Skandal! Meine Eltern wohnen in einer Kleinstadt, eigentlich fast ein Dorf. Ein paar Straßen, ein Supermarkt, jeder kennt jeden.

Und dort hat doch tatsächlich jemand die Kirche angesprüht! In rot!! So erzählt es mir meine Mutter aufgeregt am Telefon. Und ich soll unbedingt mal vorbei kommen und mir das ansehen.

Ein paar Tage später stehe ich dann wirklich vor der Kirche – und bin fast ein wenig enttäuscht. Auf der weißen Wand neben dem Eingang steht ein einziger Satz: „Lieber Gott, du kannst mich mal!“ Rote Buchstaben, saubere Schrift. „Das ist alles?“, frage ich meine Mutter. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

„Jetzt fang du auch noch so an!“, stöhnt meine Mutter. Und erzählt mir, dass der Gemeindepfarrer das Graffiti auch eher locker nimmt. Für ihn sei der Spruch so eine Art schriftliches Gebet, sagt er. Eine Beschwerde beim lieben Gott. Und die könne er doch nicht einfach überpinseln.

Ein Gebet!! Meine Mutter kann darüber nur den Kopf schütteln. Dabei hat der Pfarrer nicht ganz unrecht: Es gibt keine vorgeschriebene Form fürs Beten. Danken, bitten, jammern, klagen, laut oder leise – im Gebet ist eigentlich alles erlaubt.

Sicher, Wände besprühen ist nicht so die klassische Gebetsform. Genau genommen ist es sogar verboten. Aber dass es Gott im Prinzip egal ist, auf welchem Weg ich ihn anspreche – den Gedanken finde ich schon mal ganz beruhigend.

Sprecherin: Christiane Birgden

 

Audiobeitrag Frommes Graffiti


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