Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.01.08, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

„Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ (eg 511)

Choral, Strophe 1: Weißt du, wieviel Sterne stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen, weit hin über alle Welt?

Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Wenn ich mit Eltern über die Taufe ihres Kindes spreche und ihnen vorschlage, dieses geistliche Volkslied im Gottesdienst zu singen, dann leuchten ihre Augen auf. Ja, das kennen wir. Das können wir mitsingen. Sie fühlen sich erinnert an die eigene Kindheit, an die Geborgenheit, die Melodie und Worte dieses Liedes in ihnen auslösten.

Choral, Strophe 2: Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut,
Wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
Dass sie all ins Leben kamen
Dass sie nun so fröhlich sind, dass sie nun so fröhlich sind.

Ich mag besonders gerne die dritte Liedstrophe:
 
Choral, Strophe 3: Weißt Du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind  im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
Seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.

Wegen dieser Strophe habe ich nach der Geburt unseres ersten Kindes das ganze Lied auswendig gelernt. Unserer Tochter  fiel es schwer, abends einzuschlafen. Mir fiel es schwer, ihr Schreien auszuhalten. Hatte ich tagsüber noch Lust und Wohlgefallen an allen ihren Lebensäußerungen, so verließ mich am Abend die Geduld. In meiner Not sang ich: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen…“ Mir tat es gut, das alte Lied zu singen, wie Generationen von Eltern es vor mir getan hatten. Das half mir, ihr Schreien und meine Ungeduld besser zu akzeptieren.

Choral: ….kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.

 „Kennt auch dich und hat dich lieb.“ Wilhelm Hey, ein Pfarrer in Thüringen, fasste vor 170 Jahren in dieser kurzen Zeile die Botschaft seines Liedes zusammen. Die Melodie, die er dazu wählte, und auch die Worte des Liedanfangs waren den Menschen seiner Zeit vertraut aus einem damals populären Liebeslied. Auf innige Weise beschreibt es die Gefühle eines jungen Mannes, der sich von der Geliebten trennen muss, vielleicht weil er – wie es damals üblich war-  zu seinen Lehr- und Wanderjahre als Handwerker über Land ziehen musste.

Sprecher: So viel Stern am Himmel stehen,         
An dem blauen Himmelszelt,
Soviel Schäflein als da gehen,
In dem grünen, grünen Feld.
Soviel Vöglein als da fliegen,
Als da hin und wieder fliegen,
|Soviel mal sei du gegrüßt.

Soll ich dich denn nimmer sehen,
Nun ich in die Ferne muss?
Ach das kann ich nicht verstehen,
O du bittrer Scheidensschluss!
Wär ich lieber schon gestorben, 
Wär ich jetzt nicht so betrübt!  

Auch Wilhelm Hey trieben Lehr- und Wanderjahre in die Fremde. Seine Geliebte Auguste musste er in Gotha zurücklassen, als er in Jena und Göttingen Theologie  studierte. Vergeblich bewarb er sich nach seinem Studium um eine Pfarrstelle. In Holland fand er dann eine Stelle als Hauslehrer. Die 450 km lange Strecke von Gotha nach Nimwegen legte er in 12 Tagen zu Fuß zurück. Unterwegs hat er sicher öfter dieses Lied gepfiffen oder sehnsüchtig vor sich hin gesungen.

Sehnsucht nach Menschen, die ihn lieb hatten, kannte Wilhelm Hey von klein auf. Seine Mutter starb, als er zwei Jahre alt war. Sein Vater war überfordert von den Aufgaben eines Pfarrers und eines Vaters von 5 Kindern. Er wurde hart und verschlossen. Geborgenheit fand Wilhelm erst, als er in seiner Schulzeit bei einer Witwe wohnte, die ihn gerne umsorgte. Ihre Tochter war Auguste. Heiraten konnten Wilhelm und Auguste erst, als er mit 29 Jahren seine erste Pfarrstelle in einem Thüringer Dorf antrat. Nach nur 9 Jahren Ehe starb sie. Ihre Ehe blieb kinderlos. Hey wurde er an die Schlosskirche in Gotha versetzt. Die städtische Gemeinde dort forderte aufgeklärte, an der Vernunft und der Moral orientierte Predigten. Dieser Erwartung konnte und wollte er nicht immer gerecht werden. Er wollte seiner Gemeinde von der Liebe erzählen, die Gott den Menschen schenkt. Diese Liebe wollte er ausdrücken. Die schwebende Melodie und die innigen Worte des bekannten Liebesliedes regten ihn an, sein Lied von Gottes Liebe zu dichten.

Choral, Strophe2: Weißt du, wie viel Sterne stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viel Wolken gehen, weit hin über alle Welt? 
Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl, an der ganzen großen Zahl.

Ich kann heute sein Lob von damals noch mitsingen, auch wenn ich weiß, dass die Luft verschmutzt und der Regen sauer ist, die Fische bleihaltig sind und viele Kinder überhaupt keine Gelegenheit haben, fröhlich aufzustehen. Wilhelm Hey sang nicht von Gottes Liebe, um arme und verbitterte Menschen mit Gottes Güte im Jenseits zu vertrösten. Im Gegenteil: Gottes leidenschaftliche Liebe zu seinen Geschöpfen war ihm Aufforderung, zu seiner Lebenszeit  für die einzutreten, die Unterstützung brauchten. Er gründete für die Bauern seiner Gemeinde eine Genossenschaftsbank. Besonders herzlich setze er sich für Kinder ein. Selbst wurde er zwar erst mit 49 Jahren in seiner zweiten Ehe Vater eines Sohnes. Doch wo immer er lebte, kamen fremde Kinder zu ihm ins Haus: Waisen aus seinem Bekanntenkreis, für die er wie ein Vater sorgte,  Jungen und Mädchen aus seiner Gemeinde, die er in Mathematik, Latein und anderen Fächern unterrichtete. Seine Nähe zu Kindern spiegelt sich in  Sprache und Form der Liedstrophen:

Zwei durch den Reim und die Melodie verbundene Fragen eröffnen sie. Darauf folgt ein Mittelteil mit einer neuen Melodie: ein Hinweis auf Gottes Handeln beantwortet die Frage. Gott zählt seine Geschöpfe und nennt sie beim Namen. Gott freut sich an ihnen. Sollte eins von ihnen verloren gehen, geht Gott es suchen, bis es wieder da ist, wo es hingehört. Anders als Menschen, die oft ihren Besitz und ihr Geld, ihre Abhängigen und Unterstützer zählen, zählt Gott Menschen, um sie zu  behüten. Wer das begreift, kann nur staunen: Gott kennt dich und hat dich lieb. Das nimm an, dem vertrau, davon lass dich trösten und aufrichten. Du bist Teil von Gottes geliebter Schöpfung. Mit Leidenschaft tritt Gott für dich ein. Weil Du lebst, freut Gott sich. Aus dieser Freude  kannst du leben.

Choral, Strophe 3: Weißt Du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind  im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
Seine Lust, sein Wohlgefallen;
kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin  Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede über den Choral “Weißt du wieviel Sternlein stehen“. Es sangen die Wiener Sängerknaben unter der Leitung von Uwe Christian Harrer.

Audiobeitrag „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ (eg 511)


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