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Geschenkte Zeit
Zeit stand in großen Buchstaben am Giebel. Ein eigenartiger Stand, den ich auf dem Wochenmarkt bemerkte und der mich sofort in seinen Bann zog.
Eine riesige Menschenmenge war davor versammelt. Es war kaum durch zu kommen, aber dann hatte ich es doch geschafft und war ziemlich enttäuscht. Nichts besonderes zu sehen. Nur jede Menge Konservendosen, ordentlich und kunstvoll gestapelt, alle gleich und auf allen stand fett gedruckt nur das Wort Zeit. Neben mir schnappte ich Sätze aus Gesprächen mit dem Mann hinter der Theke auf: Wasn da drin? Ja, was drauf steht: Zeit eben. Was kosten die denn? Was wäre es Ihnen wert? Wie, was es mir wert wäre? Und hinter mir hörte ich die Menschen erregt reden:
Was soll das denn: Zeit kann man doch nicht in Dosen packen. Ach, wahrscheinlich sind die Dosen sowieso alle leer. Undn festen Preis scheints ja auch nicht zu geben. Zeit kann man doch sowieso nicht bezahlen. Ach ich weiß nicht, sagte ein Mann, schon etwas älter, ich würde mir ganz gerne ein paar Dosen davon mitnehmen man kann ja nie wissen.
Ich selber war auch versucht, ein paar Dosen mit zu nehmen - man kann ja nie wissen.
Musik
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Hellmut Wiegand, Pfarrer der Evangelischen Kirche.
Die Uhr tickt. Die Zeit läuft. Unaufhaltsam. Gleichmäßig. Zeit scheint ja etwas sehr objektives zu sein, etwas, das in eindeutigen, nicht veränderbaren Einheiten gemessen wird. Minuten, Stunden, Tage, Jahre alles geregelt, für jeden auf der Welt gleich. Die eine Seite. Die andere ist das persönliche Empfinden und Erleben von Zeit. Mal schleppt sie sich hin, zieht sich in die Länge, mal eilt sie wie im Flug dahin, gerne würde man sie festhalten, aufhalten aber es geht nicht.
Fachleute unterscheiden zwischen der physikalischen und der subjektiv erlebten Zeit. Während die physikalische Zeit unbeeinflusst fließt, ist die subjektiv erlebte Zeit von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren abhängig, stellen die Zeitforscher fest. Der Mensch konstruiert sich seine innere Zeit gewissermaßen selber, wobei die Abfolge und Dichte von Ereignissen und Erlebnissen eine besondere Rolle für die individuelle Wahr-nehmung von Zeit spielen.
Neu ist in der Zeitforschung die Erkenntnis, dass auch unsere innere Gestimmtheit großen Einfluss auf das subjektives Zeiterleben hat. Und auch das Lebensalter ist von Bedeutung. Erforscht wurde dies in den letzten Jahren in verschiedenen psychologischen Studien. Aber was jetzt wissenschaftlich nachgewiesen wurde, wussten wir eigentlich schon immer: Wenn viel passierte in meinem Laben, war die Zeit immer zu schnell vorbei. Gab es Langeweile und Leerlauf, hätte die Uhr gerne mal schneller gehen können. War ich verliebt, hätte die Uhr beim Rendez-vous auch stehen bleiben dürfen, und angesichts persönlicher Enttäuschungen hätte ich die Uhrzeiger manchmal gerne zurück gestellt. Und dass Zeit im Alter anders nämlich viel gedrängter - erfahren wird als in Kindheit und Jugend, ist ein älteren Menschen sehr vertrautes Phänomen.
Verweile doch, du bist so schön", sagt nicht nur Goethes Faust über den gegenwärtigen Augenblick. Wenn das doch ginge, nur einen Moment einmal festhalten, die Uhr an-halten, die Zeit in bestimmten Situationen einfach mal verlängern.
Musik
Viele haben den Eindruck, dass ihnen die Zeit davon läuft. Die Tage sind zu kurz, um all das zu tun, was getan werden soll. Der Druck der beruflichen und gesellschaftlichen An-forderungen wird immer größer.
Zeitfachleute reden von einer ständigen Beschleunigung unseres Alltags. Wer heute seine vielfältigen Möglichkeiten nutzen will, der muss in der Lage sein, völlig verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun. Kinder und Jugendliche lernen das inzwischen. Wir Älteren stehen zum Teil ratlos davor.
Das Ideal des Hier und Jetzt, die Achtsamkeit gegenüber dem Augenblick, das Ganz präsent Sein in der jeweiligen Situation scheint mehr und mehr verloren zu gehen.
Nur auf den ersten Blick ist es bei denen anders, die Zeit genug zu haben scheinen. Die unfreiwillig aus dem Erwerbsleben ausscheiden mussten und die häufig keine Perspektive mehr auf einen arbeitsmäßigen Neubeginn sehen.
Zeit gibt es genug, aber wie kann sie genutzt werden? Und selbst, wenn nun die Chance da ist, in Ruhe eins nach dem anderen zu tun, so entsteht dabei weniger das befriedigende Gefühl, mit Zeit gut ausgestattet zu sein. Eher unterstreicht diese Erfahrung noch das Grundgefühl, auch deswegen schon nicht mehr dazu zu gehören, weil Zeit nicht mehr als knappes Gut erlebt wird.
Dazu kommt noch die Erfahrung, dass ganz einfach das Geld fehlt, sich an der Event- und Konsumkultur unserer Tage zu beteiligen. So kann auch vorhandene Zeit nicht als sinn-voll nutzbar erlebt werden, weil die Inhalts- und Sinnfrage in unserer Gesellschaft letzt-lich mehr ein Geld- als ein Zeitthema zu sein scheint. Aber stimmt das überhaupt? Geht es nicht doch eher um die Frage, wie wir mit der Zeit umgehen und ob die Zeit anders gefüllt werden kann, als wir das derzeit gesellschaftlich allenthalben erleben?
Musik
Entschleunigung ist die Antwort auf die ständige Beschleunigung unseres Alltags, so der Soziologe Hartmut Rosa in seiner kürzlich erschienen und lesenswerten Studie Be-schleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Befriedigung, so stellt der Soziologe aus Jena fest, ist zunehmend immer stärker kurzfristig angelegt: Sie ist kurzfristig erreichbar, weil vornehmlich konsumorientiert, also käuflich. Aber ihre Wirksamkeit ist eben auch nur kurzfristig: das Verfallsdatum wird gewissermaßen immer kürzer. So muss der gerade erlebten Befriedigung die nächste folgen usw. usw. in immer kürzeren Abständen. Und dabei machen zwangsläufig alle mit, die sich den ge-sellschaftlich vorgegebenen Werten der Konsumorientierung - oder müsste man nicht richtiger von Konsumfixierung sprechen? - nicht widersetzen. Entschleunigung ist dabei aus der Sicht von Hartmut Rosa nicht nur der Gegenbegriff sondern auch das notwendige Gegenmittel, die Therapie gewissermaßen.
Nur Entschleunigung schärft den Blick für das Wesentliche und setzt damit Möglich-keiten frei, von der kurzfristig erreichbaren Befriedigung zu einer länger anhaltenden, also nachhaltigen Befriedigung im Leben zu kommen. Und diese ist vornehmlich in der bewussten und positiven Gestaltung von Beziehungen zu erleben: in der Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis.
Hier kommt die Zeit noch einmal ins Spiel. Wer mehr vom Leben will, sollte seine Zeit besser nutzen titelte kürzlich eine bekannte Wochenzeitschrift. Sie wirft dabei die Frage auf, ob wir uns gerade für die Beziehungsgestaltung noch genügend Zeit nehmen können. Oder ob unser Zeitbudget längst erschöpft ist, wenn wir all die von außen vorgegebenen oder die selbst gestellten Aufgaben der Lebensbewältigung und Teilhabe an der Gesell-schaft erfüllt haben.
Kein Wunder, dass da jemand auf die Idee kommt, Zeit zu verkaufen. Aber Zeit an sich ist weder verkaufbar noch käuflich, kann auch nicht bezahlt werden, jedenfalls nicht mit Geld. Schwer auszuhalten in einer Gesellschaft, in der fast alles in seinem pekuniären Gegenwert berechnet wird.
So scheint Zeit an sich gar kein Wert mehr in unserer Gesellschaft zu sein. Eher das, was in bestimmter Zeit getan oder erlebt werden kann. Nicht Zeit haben, ist offensichtlich das Thema, sondern Zeit ausnutzen. Muße wird eher als Langeweile verstanden ich müsste doch was tun, oder?
Wenn Zeit an sich nur noch schwer als etwas positives erlebt werden kann, Zeit haben an sich kein erstrebenswertes Gut mehr ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass für viele der Begriff Ewigkeit inzwischen unverständlich geworden ist Ewigkeit als zeitloses Sein in der Gegenwart Gottes.
Und was machen wir da die ganze Zeit?
Die Vorstellung vom Ewigen Leben ist ja nicht zu Unrecht angelehnt an das Bild vom Paradies, das aber heute dann schnell reduziert wird auf die Idee vom Schlaraffenland unendlicher Konsum ohne eigene Anstrengung. Das scheint ein Problem unserer Gegen-wart zu sein, dass wir ein Verständnis von Zeit haben, dass nur noch zum Erleben und Konsumieren passt. Dass eben auch Zeit ökonomisiert wird und wir sie dann als etwas verstehen, was im Sinne gesellschaftlicher Werte genutzt werden muss. Ganz im Sinne von: die Zeit läuft, streng dich an, mach was draus usw.
Musik
Über alle Zeiten hinweg haben Texte der Bibel den sehr einfach wirkenden Vorschlag gemacht, Zeit als Geschenk zu verstehen. Sie ist weder verfügbar, noch käuflich, sie kann nicht eingefordert werden und ist auch nicht einklagbar. Es ist auch nichts ungerechtes an ihr oder bösartiges. Zeit ist einfach da. Für alle und für alles. Die ganze Welt partizipiert an ihr ob Mensch oder Tier, ob Pflanze oder Element.
Als Mensch darf ich die Zeit nehmen, muss es aber nicht. Als Teil dieser Welt darf ich sie nutzen, muss es aber nicht. Ich darf die Zeit als Geschenk annehmen und sie damit zu meiner Zeit machen, über die ich verfügen kann.
Vielleicht ist Zeit die eigentliche Gabe der Schöpfung, die, die uns mit allem verbindet. Zeit als Teil der Ewigkeit.
Schenk uns Zeit, schenk uns Zeit Zeit aus deiner Ewigkeit. Zeit zum Nehmen, Zeit zum Geben, Zeit zum miteinander leben; Zeit zum Trinken, Zeit zum Essen, Zeit um keinen zu vergessen.
Zeit als Geschenk: als Geschenk für mich und als Geschenk für andere - Zeit zum mit-einander leben, Beziehungen zu gestalten, für einander da sein. Zeit als Geschenk führt mich auch zur religiösen Dimension meiner Existenz ich darf sie annehmen, muss es aber nicht. Ich darf in der Zeit die Ewigkeit entdecken, mich als Teil davon erleben und staunen. Die Zeit als physikalische Größe kann ich trotz aller Versuche und Wünsche - nicht beeinflussen. Aber mein persönliches Verständnis von Zeit kann ich immer wieder neu beschreiben. Und eine neue persönliche Definition führt fast immer auch zu einem neuen Umgang mit ihr. Zeit als Teil der Ewigkeit, meine Zeit als Geschenk Gottes aus seiner Ewigkeit. Auf diesem Hintergrund bekommt vieles in meinem Alltag eine andere Bedeutung und Wertigkeit. Ich blicke neu auf das Leben.
Musik
Ich habe Ihnen von dem Stand erzählt, den ich auf dem Wochenmarkt gesehen habe - da gab es Zeit zu kaufen, einfach nur Zeit, in Dosen. Die meisten Menschen fanden das un-erhört, einzelne aber auch ein bisschen reizvoll.. Das ganze war natürlich ein Traum, geträumt in einer Situation, in der die Zeit mir zu entgleiten drohte. Nun will ich Ihnen nicht vorenthalten, wie mein Traum zu Ende ging: Als der alte Mann drei Dosen Zeit kaufen wollte, sagte der Verkäufer: Tut mir leid, verkaufen kann ich Ihnen die Dosen nicht! Sie sind nicht zu verkaufen! Aber ich schenke Ihnen gerne welche! Bitte sehr! und schob ihm, wie gewünscht, drei Dosen über die Theke.
Ein wundersamer Traum. Er hat mich angeregt, über die Zeit neu nachzudenken. Angeregt hat mich auch das Lied Schenk uns Zeit mit dem Text von Rolf Krenzer und der Vertonung von Roberto Confutius. Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Hellmut Wiegand von der Evangelischen Kirche.
Musik
Geschenkte Zeit
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