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Mutter und Kind
Guten Morgen, mein Name ist Ulrich Haag, ich bin Gefängnispfarrer, verheiratet und habe gemeinsam mit meiner Frau drei Kinder.
Die Kleinkindphase haben wir schon hinter uns, trotzdem nehmen wir mit Interesse die Diskussionen darum wahr, wie unser Gemeinwesen junge Familien auf angemessene Weise entlasten könnte. Von welchem Alter an darf zum Beispiel eine Mutter ihr Kind in eine Kinderkrippe bringen? Hier und da konnte in den vergangenen Monaten der Eindruck entstehen, als sei eine frühe Trennung von Mutter und Kind mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar, als sei die möglichst lange, ununterbrochene, innige Bindung des Kindes an die Mutter die Beziehungsform, die dem Willen Gottes am ehesten entspreche. Werfen wir einen Blick in die Bibel, so lässt sich dieser Eindruck nicht erhärten.
Der junge Samuel beispielsweise wird in die Obhut des Priesters Eli gegeben - unmittelbar nachdem ihn seine Mutter Hanna abgestillt hat. Der Knabe sei noch sehr jung gewesen, kann man da lesen. Zu jung? Hier enthält sich die Bibel einer Bewertung, weiß aber folgendes zu erzählen: Samuel habe bereits im zarten Kindesalter Halluzinationen gehabt, nächtliche Erscheinungen, in denen er sich von Gott beim Namen gerufen fühlte. Später wird aus ihm der erste große Profet seines Volkes.
Ganz anders ergeht es Jakob. Er hat in seiner Kindheit die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter Rebekka genossen, dezent weist die Bibel darauf hin, dass es womöglich des Guten zuviel gewesen sein könne. Jakob wirkt verwöhnt, jedenfalls kann er sich nicht damit abfinden, dass sein Bruder Esau etwas bekommt, was er, Jakob nicht bekommen kann. Durch einen Betrug bringt er so den begehrten Vatersegen an sich. Esau, der Betrogene, schwört Rache und Jakob flieht. Fast drei Jahrzehnte verbringt er im Exil. Und doch geht aus seinen Kindern und Kindeskindern später das Volk Gottes hervor, das sich bis heute auf ihn als Stammvater beruft.
Jakob und Samuel zwei Kinder. Rebekka und Hanna zwei Mütter. Die eine gibt ihr Kind zum frühest möglichen Zeitpunkt weg. Die andere hält es zu lange am Rockzipfel. Doch nirgends hebt die Bibel den Zeigefinger. Die frühkindlichen Erlebnisse ihrer großen Gestalten notiert sie völlig ohne Aufregung. Sie weiß: kein Mensch kommt im Laufe seines Lebens um schmerzhafte Einschnitte, Abschiede, gar traumatisierende Erfahrungen herum. Doch Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Mit jedem Menschen kann er etwas anfangen. Was auch immer Jakob und Samuel, Mose, Josef und David in ihrer Kindheit erleben, später wächst daraus eine Kraft, die im entscheidenden Moment alles zum Guten wenden kann. Ob zu früh von der Mutter getrennt oder zu lange im Nest gehockt Gott bringt durch das Leben jedes Menschen etwas von seiner Geschichte hier auf Erden voran. Wir müssen ihn nur lassen und dürfen unsererseits keinen Menschen abschreiben schon gar nicht aufgrund seiner familiären Situation.
So ist dem alten Testament jedenfalls kein Gottesgebot zu entnehmen, wann und wie lange Eltern ihre Kinder zu Hause behalten müssen und ab wann sie sie in die Obhut anderer geben dürfen. Doch wie steht es im neuen Testament? Stellt nicht die heilige Familie, Maria, Josef und das Kind, das Idealbild des familiären Zusammenlebens dar, nach dem sich Christinnen und Christen richten sollen? Davon morgen mehr.
Mutter und Kind
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