| |
Zeichen des Glaubens
Tach Frau Hinz sag ich, wie geht et? Mir gut sagt se, wo geht et denn hin, so früh am morgen? Ich muß zur Merktkirche, sag ich,wir haben da Baubegehung.
Wahrscheinlich muß dat Dach von der Kirche muß neu gedeckt werden. Und die Fassade vom Turm saniert. DerTurm sagt se, wo wer grade davon reden, wissen Sie eigentlich, wie hoch der Turm von der Marktkirche is? Keine Ahnung, sag ich. Aber höher als der von der von der Sankt Marienkirche is der doch auf jeden Fall, oder? Ich kann ja ma in den Bauplan gucken, sag ich, aber wat is dadran wichtig? Ich hab mir noch nie Gedanken da drübber gemacht, wr den höheren Turm hat. Dat sollten se aber, sag se, son Turm is doch n Zeichen für den Glauben, und davon könnten wir ma widder mehr brauchen bei uns. Wie kommense dadrauf, sag ich? Durch die Aishe, sagt se, die Aishe aus meine Putzkolonne. Die meint, dat man bei uns gar nich richtig merkt, dat wir in Deutschland auch n gottesfürchtiges Land sind. Dat wir viel zu wenig von unserm Glauben zeigen. Findense, frag ich, wie zeigen die dat denn? Indem se kein Schweinefleisch essen, sagt se. Indem se fünfma beten am Tag. Und indem se n Kopftuch tragen. Und indem se jetz Moscheen bauen, die nach außen richtig wat darstellen. Ach so, sag ich, und deshalb sollen wir unsere Kirchtürme ausmessen und ne höhere Spitze drauf setzen, damit jeder sieht, wie groß derGlaube is, den wir haben. Ob dat dem Glauben entspricht, wie Jesus den gewollt hat?! Wieso nich, sagt se, Jesus will doch, dat wir zeigen, wat wir glauben. Dat schon sag ich, bloß wem se dat zeigen und wie, dat is die Frage. Damals is Jesus auch gefragt worden, wieso merkt man dir und deinen Jüngern nich an, wie gläubig ihr seid? Man sieht euch nich beten, sieht euch keine Spenden geben, nich fasten. Fasten, sagt se, dat Fasten im Ramadan, dadran erkennt man auch, wie wichtig den Moslems ihr Glaube is. Wieso dürfen wir dat nich? Fasten dürfense, sag ich, bloß soll ihnen dat keiner anmerken. Wenn du am Fasten bis, zieh dich schick an, tu wat Make-up auf und verzieh dat Gesicht nich zur Leidensmiene, so sagt Jesus dat. Et kommt nich drauf an, dat die Leute sehen, wie fromm du bis. Zeigen sollst du dat nur Gott. Als wenn du dat vor allen anderen geheim halten wolltest. Geheim halten, sagt se, soll dat heißen, dat, je weniger ich den andern zeig, wie fromm ich bin, desto mehr is mein Glaube so, wie Jesus den haben wollte? Genau, sag ich, und wenn se rausfinden wollen, wodrin sich zeigt, dat wir ne christlich geprägte Gesellschaft sind, dann dürfense bei uns nich dadrauf gucken, wie hoch die Kirchtürme sind. Sondern? fragt se. Sondern dadrauf, sag ich, wie wir uns um die kümmern, die sich selber nich mehr helfen können. Dat evangelische Krankenhaus, oder dat katholische - dat is gezeigter Glaube. Die Wärmestube für die Tippelbrüder, dat ist gezeigter Glaube. Der Kindergarten an der Friedenskirche, dat Heim für geistig verwirrte alte Menschen, die Besuchsgruppe im Gefängnis dat sind die Zeichen, an denen se den Glauben bei uns ablesen können. Da is wat dran, sagt se, dat sag ich ma der Aishe. Dann kriegt die n Blick dafür, wie sehr wir hier in Deutschland auch n gottesfürchtiges Land sind. Ja, sag ich, und ich kümmer mich jetz um dat Dach von der Marktkirche. Und um den Turm, sagt se, damit der noch lange steht. Mach ich, sag ich, aber jetz muß ich. Tschüss sagt se. Tschüss sag ich, tschüss und n schönen Tag noch.
Zeichen des Glaubens
|