Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.02.08, Pfarrer Ulrich Haag

Karneval ökumenisch

Spätestens seit Donnerstagmorgen 11.11 Uhr wissen Sie, ob sie in einer protestantischen Gegend wohnen oder in einer katholischen. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.

Protestanten feiern eben keinen Karneval, so wenigstens wird gerne behauptet. Protestanten sind ernsthaft, glaubensstreng und konsequent, und dies jede Minute ihres Lebens, lückenlos. Katholiken dagegen können fünfe auch mal gerade sein lassen, können sich gehen lassen, das Leben genießen; auch das, was eigentlich verboten ist. Vielleicht hängt das mit der Vorstellung von Sünde, Gericht und Vergebung zusammen. Bin ich frommer Protestant, muss bei mir immer alles stimmen. Bin ich katholisch, so die landläufige Meinung, darf ich sündigen, denn was ich gesündigt habe, kann ich beichten, dann ist es weg und ich kann wieder sündigen. „D’r normale Jlaube“ nannte der Kabarettist Konrad Beikircher diesen Wellengang des religiösen Lebens einmal – und damit meinte er den Glauben, der die Menschen mit einem Augenzwinkern nimmt, wie sie sind: an der Sünde interessiert, leicht zu verführen, fehlbar.

Natürlich weiß auch der Protestantismus um die Fehlbarkeit des Menschen, weiß, dass der Mensch sich oft nicht steuern kann, sich selbst ausgeliefert ist. Es ist die Bestie, die in jedem Menschen lauert, und die er manchmal nur mühsam unter Kontrolle zu halten vermag. Wie zähme ich sie am besten? Eine Möglichkeit ist, dass ich das Tier einmal im Jahr für fünf Tage in die Freiheit entlasse. Dass ich die Käfigtüre öffne, so dass es sich austoben darf, nach Herzenslust Kapriolen schlagen und alles das tun, was das Jahr über untersagt ist. Ist es dann auf seine Kosten gekommen, gesättigt und erschöpft, lässt es sich umso williger wieder in den Käfig sperren.

Die andere Möglichkeit ist, das Böse in mir konsequent klein zu halten. Ihm keinen Raum zu geben, nicht ein einziges Schlupfloch zu bieten. Wenn ich insgeheim immer wieder die Lust verspüre, Dinge zu tun, die mir selbst oder meinen Mitmenschen Schaden zufügen, wenn ich bei mir Anzeichen eines Suchtverhaltens feststelle – beim Einkaufen, am Computer oder im Umgang mit dem anderen Geschlecht – sind Enthaltsamkeit, Disziplin und Konsequenz durchaus ein Erfolg versprechender Weg, um zu einem selbstbestimmten Leben zurückzufinden.

Die protestantische Ernsthaftigkeit und die katholische Erlaubnis zur Lebensfreude - beide Methoden sind auf ihre Weise geeignet, die Sünde zu bändigen. Auch wenn sie heute mehr Klischees sind als der Wirklichkeit zu entsprechen. Die eine ist ein erfolgreiches Therapieprogramm gegen die Sucht. Die andere ein bewährtes Mittel gegen Traurigkeit und Schwermut, uralte Leiden, die die Menschen ohne Rücksicht auf Religion und Konfession befallen. So strikt lassen die sich eben ohnehin nicht trennen. Schon gar nicht zu Karneval. Der ist und bleibt zwar eine katholische Institution, aber längst nimmt auch die andere Fraktion stillschweigend oder ganz unverhohlen am närrischen Treiben teil. Vielleicht ist diese, die fünfte Jahreszeit, zugleich die der tiefsten ökumenischen Verbundenheit. Es sind ja tatsächlich alles Gotteskinder: die katholischen wie die evangelischen - mögen sie nun herzhaft Karneval feiern oder auch nicht. Kommen Sie gut und unbeschadet durch die tollen Tage.

Audiobeitrag Karneval ökumenisch


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