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"Heilige Familie"
Die Frau ist noch jung und schaut dem Betrachter geradewegs in die Augen. Ihre Züge zeigen ein Lächeln, zugleich ein tiefes Wissen um den Lauf der Dinge.
Ihre Finger sind auf eigentümliche Weise gefächert, ihre Hand scheint zu winken. Ihr Haupt ziert ein Heiligenschein, wie auch den Kopf des Kindes, das sie dem Betrachter präsentiert. Es ist ein unbekleideter Säugling, ein Neugeborenes und doch steht es schon auf eigenen Füßen, scheint im Schoß der Mutter zu schweben.
Jesus und Maria. Auf unzähligen Ikonen verewigt, auf Gemälden, Kirchenfenstern Gedenktafeln dargestellt, in Lieder besungen. Stellen diese beiden so innig wie sie auf einander bezogen sind nicht das Idealbild der Mutter-Kind-Beziehung dar, nach dem sich Eltern, die im christlichen Glauben beheimatet sind, zu richten haben?
Werfen wir einen Blick in die Bibel. Da finden wir nichts, was die Beziehung zwischen Jesus und seiner Mutter idealisieren könnte. Im Gegenteil: Als erwachsener Mann hat Jesus ein ausgesprochen distanziertes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt. Weib, was habe ich mit dir zu schaffen, fährt er sie zum Beispiel an, als sie bei der Hochzeit zu Kana auf ihn zukommt, und ihm nahe legt, ein Wunder zu tun.
Auch von der Kindheit Jesu berichten die Evangelisten nichts, was Maria zu einer besonderen Mutter macht. Jesus hatte mindestens vier Brüder und zwei Schwestern gehabt. Sieben Kinder also, da wird das eine oder andere den Eltern schon einmal aus den Augen geraten sein. Im Alter von 12 Jahren pilgert Jesus mit seiner Familie zum Passahfest nach Jerusalem. Auf dem Rückweg nach Nazareth ist Jesus plötzlich verschwunden Die Eltern vermuten ihn zunächst in dem Pulk Kinder, die weiter hinten gehen und für die die Wallfahrt gewiss ein Abenteuer war. Erst am Ziel der Etappe stellen die Eltern fest: Jesus ist nicht dabei. In Panik hasten sie den Weg nach Jerusalem zurück und finden ihren Sohn am nächsten Morgen im Tempel. Wie konntest du uns das antun, hier zu bleiben ohne etwas zu sagen! Seine Mutter stellt Jesus zur Rede, doch er fertigt sie ab: Der Tempel ist das Haus meines Vaters! Hier bin ich zu Hause. Jesus hat sich offensichtlich auf ganz besondere Weise als Kind Gottes gefühlt. Hätten die Evangelien die Beziehung zwischen Jesus und seiner Mutter als vorbildlich würdigen wollen, wäre hier gewiss der richtige Moment gewesen, etwa, indem sie zitieren, wie Jesus sich bei seiner Mutter für alles bedankt, was sie für ihn getan hat oder sich entschuldigt, für das, was er ihr angetan hat.
Doch nichts dergleichen. Nirgends erwähnt die Bibel, Maria sei eine besondere Mutter gewesen. Also keine Übermutter. Keine Ikone. Maria hat Jesus geliebt, und ihre übrigen Kinder auch. Sie hat ihn beizeiten losgelassen, hat ihn vielleicht sogar eine Spur zu früh sich selbst überlassen, wohl einfach, weil es der Alttag der vielköpfigen Familie erforderte. Darin ist sie am Ende vielleicht doch ein Vorbild: Sie hat sich von einem übersteigerten Mutterideal, das es damals genauso gegeben haben wird wie heute, nicht allzu sehr beeindrucken lassen.
Der christliche Glaube lässt Müttern und Vätern folglich die Freiheit, von Geburt an ihren Weg zwischen Nähe und Distanz, zwischen Halten und Loslassen zu finden. Wie Maria und Josef ihn damals auch finden mussten. So gesehen ist auch die Kirche frei, jungen Familien mit durchaus noch sehr kleinen Kindern ohne Vorbehalte beizustehen. Darüber hab ich neulich auch mit Frau Hinz gesprochen. Davon erzähle ich Ihnen morgen.
"Heilige Familie"
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