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Wiedergeburt
Tach Frau Hinz, sag ich, wie geht et. Und wat macht die Anita. Die Anita bleibt heute bei ihrer Mutter sagt se, die hat sichn Tag frei genommen, weil et mir nich so richtig
gut is. Wat is los, sag ich. Immer dat gleiche, sagt se, ich komm dauernd aus der Puste. Der Doktor Schapers sagt, dat is wegen dem Rauchen. Aber im nächsten Leben mach ich dat anders. Im nächsten Leben? frag ich, sie haben bloß eins. Dat glaub ich nich sagt se, ich hab da grade im Wartezimmer inne Illu wat über die Widergeburt gelesen. Dat is ne uralte Lehre von den Indern und Chinesen, so alt wie die Menschheit selber is. Und in der Bibel steht die auch. Wiedergeburt?, sag ich, in der Bibel? Dat wüßt ich aber! Doch, sagt se, da gibtet n Profeten, wie heißt der, Eli, von dem steht da, dat der Wiedergeboren werden soll. Elia meinense, sag ich, stimmt, von dem glauben die Juden, dat der als Messias wieder auf die Welt kommen soll. Aber wenn se dat ma nachlesen: Der is gar nich gestorben. Im Königebuch steht, dat der auf nem feurigen Wagen in den Himmel gefahren is. Dann eben dat, sagt se, trotzdem find ich die Wiedergeburt n guten Gedanken. Mich trötstet dat irgendwie. Wat tröstet sie dadran, frag ich. Ganz ehrlich? sagt se. Klar, sag ich, ganz ehrlich Wissense, sagt se, ich hab zwar den Willi und der is auch gut zu mir, und ich hab drei Kinder großgezogen, die wat geworden sind, und wir haben den Wohnwagen draußen am See, aber irgendwie habbich dat Gefühl, dat isset nich. Als hättich wat verpasst, als hätt ich wat anderes aus meinem Leben machen sollen. Wat besseres lernen zum Beispiel, mich zusammenreißen um wat Richtiges zu werden. Mehr auf meine Figur achten, mir schon vor 20 Jahren dat Rauchen abgewöhnen. Aber ich komm aus alldem einfach nich raus, aus meinem Leben so wie et is. Ach so, sag ich, dann is für sie die Widergeburt die Chance, noch ma ganz von vorne anzufangen. Genau sagt se, schon als Baby von Anfang an alles richtig machen. Bloß sag ich, als Baby im nächsten Leben wissense doch gar nix mehr von dem hier. Natürlich nich, sagt se, aber irgendwann wird ihnen dat klar. Wird ihnen wat klar, frag ich. Wird ihnen klar, wat se fürn Mensch sind und wie se hier leben sollen. Aber dat is ihnen doch hier schon klar, sag ich, dat habense doch eben alles gesagt, wat se anders machen wollen und besser. Jetzis dat doch viel zu spät, sagt se. Meinense, im nächsten Leben erkenense dat früher? frag ich. Vielleicht habense im vorherigen Leben auch schon so da gesessen und auf dat kommende gewartet. Und genau jetz is der Zeitpunkt, wo se erkennen, wodrum et geht. Meinense echt?, sagt se. Habbich da jetz über 60 Jahre drauf gewartet? Kann schon sein, sag ich. Aber woher nehm ich die Energie, jetz noch wat zu ändern? Die Energie kriegense bestimmt nich, wenn sei sich auf dat nächste Leben vertrösten. Eher schon, wenn se dat alles mit Humor sehen. Und mit Dankbarkeit. Mit Dankbarkeit?, sagt se. Ja, sag ich, dat se Gott dankbar dafür sind, dat der sie ihr Leben so hat leben lassen, wie et eben war. Meinense denn, der is zufrieden damit, wat ich bis jetz geschafft hab. Und mit dem, wat se nich geschafft haben, sag ich, und wenn der zufrieden is, dann dürfen sie auch zufrieden sein. Und müssen sich kein anderes Leben wünschen. Ach, sagt se, dat tut gut, sowat zu denken, da kann ich direkt besser atmen. Dat freut mich, sag ich, aber jetz muß ich los. Tschüss sagt se, machenset gut. Tschüss sag ich, undn schönen Tag noch.
Wiedergeburt
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