Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.02.08, Pfarrer Ulrich Haag (Choralandacht)

"Es ist gewisslich an der Zeit" (eg 149)

Choral: Es ist gewisslich an der Zeit, dass Gottes Sohn wird kommen in seiner großen Herrlichkeit, zu richten Bös und Fromme.

Da wird das Lachen werden teur, wenn alles wird vergehen im Feur, wie Pertrus davon schreibet. 

Autor: Da wird das Lachen werden teur, wenn alles wird vergehn im Feur …Wenn das Lachen teuer wird, dann wird Karneval wohl zur kostspieligsten Zeit des Jahres. Oder ist das längst schon kein Lachen mehr, was da unablässig aus allen Kanälen in unsere Wohnzimmer und Küchen schwappt? In der Tat wirkt die jecke Ausgelassenheit von Jahr zu Jahr angestrengter, die Witze werden flacher, die Büttenreden simpler und das Lächeln gequälter. Oder sind wir mittlerweile nur zu anspruchsvoll, medienverwöhnt und komedysatt? Wie auch immer: Das Lachen ist zu einem raren Gut geworden, das wirkliche Lachen, das die Bauchmuskeln strapaziert, einem Tränen in die Augen treibt und nach Luft ringen lässt. Wir lachen zu wenig - obwohl Volksmund und Gesundheitsratgeber immer wieder betonen, es sei gesund.

Dem Prediger Bartholomäus Ringwaldt lachten die Menschen offensichtlich zuviel. Sie hatten seiner Meinung nach zu wenig Respekt vor dem, was ihm lieb und teuer war. Keinen Respekt vor dem Glauben, vor dem Heiligen nicht und vor der heiligen Schrift. Denen, die die Lacher stets auf ihrer Seite hatten, und Gottes Gebote leichtfertig in den Wind schlugen, mag das Lied „Es ist gewisslich an der Zeit“ einen gehörigen Schrecken eingejagt haben. Es droht ihnen – mit Hölle, Tod und Teufel.

Sprecherin: O weh dem Menschen, welcher hat
Des Herren Wort verachtet
Und nur auf Erden früh und spat
Nach großem Gut getrachtet!
Er wird fürwahr gar schlecht bestehn
Und mit dem Satan müssen gehen
Von Christus in die Hölle.

Autor: Diese Verse klingen in unseren Ohren beinahe wie die Karikatur einer Predigt. Welcher Seelsorger würde einer Gemeinde heute noch mit Gottes Zorn und Rache drohen, weil sie mit ihrem Glauben nicht seinen Erwartungen entspricht? So nimmt es nicht Wunder, dass sich in den letzten fünf Jahrzehnten kaum ein Chor gefunden hat, der dieses Lied einstudiert, zu Gehör gebracht oder gar auf Tonträger aufgenommen hat. Nur eine Einspielung fand sich in den Archiven des WDR, und die umfasst nur die erste Strophe – ganz so als sei „Es ist gewisslich an der Zeit“ im Rahmen eines Pflichtprogramms „auch mal gesungen“ worden. Dafür ist die Melodie zu Ehren gekommen. Sie stammt von Martin Luther, der zeitgleich mit Bartholomäus Ringwaldt lebte. Gut zweihundert Jahre später ist sie von Johann Ludwig Krebs zu einem fulminanten Orgelvorspiel verarbeitet worden.

Musik: Track 2

Sprecherin: Posaunen wird man hören gehen
An aller Welten Ende,
darauf bald werden auferstehn
die Toten all behende;
die aber noch das Leben han
die wird der Herr von Stunde an
verwandeln und erneuen.

Autor: Obwohl diese Strophen so wenig zeitgemäß sind, ist es interessant, sich mit ihnen zu befassen. Denn sie spiegeln auf unverstellte und kompromisslose Art etwas von der viel zitierten protestantischen Ernsthaftigkeit wider. Bildhaft und drastisch führt Bartholomäus Ringwaldt seiner Gemeinde das jüngste Gericht vor Augen:

Sprecherin: Danach wird man ablesen bald 
ein Buch, darin geschrieben,
was alle Menschen, jung und alt,
auf Erden je getrieben;
da dann gewiß ein jedermann
wird hören, was er hat getan
in seinem ganzen Leben.

Autor:
In seinem ganzen Leben… Tatsächlich: Am jüngsten Tag, wenn Gott Gericht hält, steht das ganze Leben auf dem Prüfstand, lückenlos. Jeder Moment wird unter die Lupe genommen, jede Tat gewogen, jeder gesprochene Satz auf seinen Sinn geprüft. Jedes leichtfertige Wort wird noch einmal gehört, selbst ein unbedachtes Lachen kann dann teuer zu stehen kommen. Was Bartholomäus Ringwaldt von den Christinnen und Christen seiner Zeit verlangt, ist nichts weniger als ein lupenreines Betragen, dass dem Gesetz Gottes entspricht, an jedem Ort, zu jeder Zeit.

Diesem Perfektionsideal protestantischer Couleur setzt die Volksfrömmigkeit gerne eine gewisse katholische Leichtigkeit entgegen. Bin ich frommer Protestant, muss bei mir immer alles stimmen. Bin ich katholisch, darf ich sündigen, so die landläufige Meinung, denn was ich gesündigt habe, kann ich beichten, dann ist es weg und ich kann wieder sündigen. „D’r normale Jlaube“ nannte der Kabarettist Konrad Beikircher diesen Wellengang des religiösen Lebens einmal – und damit meinte er den Glauben, der die Menschen mit einem Augenzwinkern nimmt, wie sie sind: an der Sünde interessiert, leicht zu verführen, fehlbar.

Natürlich weiß auch der Protestantismus um die Fehlbarkeit des Menschen, weiß, dass der Mensch sich oft nicht steuern kann, sich selbst ausgeliefert ist. Doch dass ein Christ, eine Christin mutwillig und in voller Absicht über die Stränge schlägt – das ist undenkbar. Daß er nach Terminkalender sozusagen, geplant und ganz bewusst, fünf Tage lang all das tut, was das Gesetz Gottes das Jahr über verbietet - ausgeschlossen! Und so stehen in protestantischen Gegenden die Räder ganz besonders still, während Köln, Mainz und Düsseldorf vor Ausgelassenheit schäumen.

Orgel

Autor: Aber lassen sie sich wirklich noch so strikt auseinander halten? Hier der unbedingt strenge, glaubenstreue Protestant – dort der Katholik, der fünfe gerade sein lässt und was geschrieben steht nicht so genau nimmt? Natürlich bleibt der Karneval eine katholische Institution, aber längst nimmt auch die andere Fraktion stillschweigend oder ganz unverhohlen an dem bunten Treiben teil, ökumenische Trittbrettfahrer des Frohsinns sozusagen.

Sie halten es mit Martin Luther. Eines seiner bis heute gültigen geflügelten Worte lautete pecca fortiter – sündige nur tapfer. Von Höllenangst, Perfektionismus und Selbstzerknirschung ist diese knappe Ermutigung weit entfernt. Sie rechnet mit der Barmherzigkeit Gottes und mit Jesu Fürsprache im jüngsten Gericht. Die übrigens auch Bartholomäus Ringwaldt bedichtet:

Sprecherin: O Jesu hilf zur selben Zeit
Von wegen deiner Wunden
Dass ich im Buch der Seligkeit
Wird angezeichnet funden…
…
Derhalben mein Fürsprecher sei,
wenn du nun wirst erscheinen
und lies mich aus dem Buche frei
darinnen stehn die deinen.

Autor: Eine geradezu karnevalistische Abschluss-Szene: Ein großer Gerichtssaal, der Rat der Richter, die Angeklagten. Dann tritt Jesus ans Rednerpult. Er schlägt den Deckel eines großen Buches auf. Er liest daraus vor. Namen stehen darin. Meiner ist dabei. Ihrer auch. Keiner wird fehlen. Hier begegnen sich protestantische Glaubensstrenge und katholische Leichtigkeit. Ich soll darauf vertrauen, dass Jesus mich einst aus diesem Buch der Seligkeit frei-liest. Wenn ich an dieser Zuversicht festhalte, unablässig, in jeder Sekunde meines Lebens, wächst in mir der Mut, auch meinen unvorhergesehenen Lebensäußerungen Raum zu geben. Keine Gefühlsregung in mir zu unterdrücken. Nichts auszugrenzen, nichts und niemanden.

Erst recht das Lachen nicht, nach dem sich dieser Tage so viele sehnen. Gesund ist es, köstlich und kostbar und von Gott wohl ebenso gerne gehört wie ein aufrichtiges Gebet. Er gönnt uns, wenn es uns findet.

Musik Track 2

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Ulrich Haag aus Aachen über den Choral “Es ist gewisslich an der Zeit“ (eg 149). Es sang der Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Robin Gritton.

Audiobeitrag "Es ist gewisslich an der Zeit" (eg 149)


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