Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.02.08, Pastorin Beate Raguse

Jeder Mensch ist ein König

Jeder Mensch ist ein König, jeder Mensch ist auf die Welt gekommen, um ein König zu sein. Es ist der Pfarrer Wilhelm Wilms, der in einem Gedicht diese Überzeugung vertritt.

Ein revolutionärer Gedanke, ein Widerspruch in sich. Denn König, so funktioniert die Monarchie, kann immer nur einer sein. Für alle anderen gilt: Jeder ist ein Untertan. 

Hier das Volk, da der König, das ist das bekannte Bild. Jeder ein König, das ist neu und umstürzlerisch. Umkehrung der Verhältnisse und damit ein Testfall  für -  den Karneval. Schließlich ist er genau das, oder will es sein; Neuordnung der Verhältnisse. Seit alters her: Der Knecht wird Herr, der Herr wird Knecht, die Weiber übernehmen das Regiment. Warum also nicht auch das ganze Volk an die Macht?  Jeder ist ein König. Jede eine Königin.

Der Karneval bekäme ein anderes Gesicht. Kein altes Weib auf der Straße stattdessen herrschaftliche Gestalten wohin man schaut, Taft und Seide statt  Cowboyhut und Hexenbesen, gepuderte Gesichter statt roter Lippen, höfisches Zunicken statt Bützken oder Stippefüttchen.

Beim Veilchendienstagszug würden nur noch Prunkwagen mitfahren. Elektronisch gesteuert, denn schließlich wäre ja keiner da, der den Trecker fahren wollte. Auf dem Wagen stünden Prinzenpaare, die sich gegenseitig zuwinkten, der Zug wäre kilometerlang, die Kammelle würden ins Leere fallen, es gäbe keine Musik, kein Fußtrupp, keine Pferde. Keine Frage, ein Zug nur mit Königspaaren, das wäre langweilig, blass und fad, das Ende des Karnevals.

Also ein anderer Versuch; auch eine Fest. In den Niederlanden feiert eine große Einrichtung für behinderte Menschen einen runden Geburtstag. Aus dem ganzen Land, aus befreundeten Einrichtungen kommen Gäste. Mehr als 1000 Menschen, die zusammen ein großes Sommerfest begehen. Das Besondere: bei der Begrüßung bekommt jeder und jede eine Krone aus Goldfolie aufgesetzt: alle, die dort wohnen dann Eltern und Freunde, der Bürgermeister und die Politikerin, die Kinder, der Mann von der Hüpfburg , Psychologen und Heilpädagogen. Sie alle feiern ausgelassen mit Spielen und Buden, mit Zirkusvorführungen und gutem Essen. Doch wovon erzählen die Gäste bei ihrer Rückkehr? Genau: von der Krone. Es muss ein beeindruckendes Bild gewesen sein: vielfältig, bunt und fröhlich. Und wahrscheinlich war das das Geheimnis des Erfolgs: jeder durfte sein wie er war und doch waren alle verbunden, hatten alle eine Gemeinsamkeit: die Krone auf dem Kopf.

Auch der Einrichtungsleiter hatte es genossen; mal nichts Besonderes zu sein. Oder genauer gesagt; etwas Besonderes zu sein, aber unter vielen anderen, die alle etwas Besonderes waren: König unter Königen, Starker unter Starken, Würdenträger unter Würdenträger.

Jeder Mensch ist ein König. Ein revolutionärer Gedanke von einer neuen Ordnung, in der die Menschen gleich sind. Alle Könige von Gottes Gnaden. Nicht gleich vom Volk geliebt, aber sicher von Gott.  Ohne Schloss, trotzdem unendlich wertvoll. Mancher muss vielleicht  wirklich eine Krone anziehen, um sich daran zu erinnern, und manch anderer sein machtvolles Gehabe ablegen. Jeder Mensch ist ein König, jeder Mensch ist auf die Welt gekommen, um König zu sein.

Audiobeitrag Jeder Mensch ist ein König


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