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gehenbleiben
Die Erfahrung ist so alt wie die Menschheit und schon die ersten Bücher der Bibel erzählen davon: vom Aufbruch und Verlassen des Bekannten, von der Verheißung eines besseren
Lebens im gelobten Land, vom Weg dorthin. Und sie beschreiben, was diese Suche bis heute ausmacht: Sehnsucht und Enttäuschung, Hoffnung und Rückschlag, Mut und immer wieder Überlegen und Zweifeln. Soll ich gehen, soll ich bleiben? Die Frage wird selten eindeutig entschieden. So ist es auch gerade die Vielschichtigkeit dieser menschlichen Erfahrung, der sich zum Jahresbeginn eine Ausstellung im Bonner Kunstmuseum widmet. Schon ihr Titel gehenbleiben bringt die Ambivalenz zum Ausdruck. gehenbleiben zeigt rund 80 Objekte von 37 internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Überwiegend Objektkunst, die den Beobachter einbeziehen will, ihn auffordert, nicht nur zu schauen, sondern eigene Erfahrungen zu machen, dabei zu klettern oder sich zu bücken, einen dunklen Raum zu durchqueren, Mineralsteinschuhe anzuziehen, und so -körperlich wie im übertragenen Sinn- Position zu beziehen. Eine Aufforderung, der die Besucher nachkommen. Einen Besucher fasziniert eine zwei mal zwei Meter große Tasche, ein mobiler Wohnraum, in den gerade eine Matratze, eine Wolldecke, eine Lampe und eine kleine Figur hineinpassen.
O-Ton: Also ich hab viel mit Kindern zu tun, die halt auch sehr unruhig sind, motorisch. Die sind nie beim Bleiben, die sind immer beim Gehen oder Laufen oder Rennen. Also mich fasziniert dann eher das Bleiben, als immer dieses ständige Gehen.
Autorin: Und Orte, wo er bleiben will:
O-Ton: Also, ich suche immer wieder einen Ort zum Beispiel im Bonner Münster auf, da ist eine goldene Madonna, ich bin nicht katholisch, aber das ist zum Beispiel ein Ort, wo ich gerne bleibe, mal ein paar Minuten, einfach um sich wohl zu fühlen, und um zu sich selber zu kommen.
Autorin: Eine Besucherin hat sich in die Position der koreanischen Künstlerin Kimsooja hineinversetzt, die sich in vier Metropolen dem Strom der Menschenmenge entgegenstellt.
O-Ton: Nadel heißt diese Installation: Eine Frau steht in der Menge und alle gehen vorbei, und das (ist) also faszinierend, da auch länger zu stehen, einmal sich zu erleben, als wäre man selbst die Nadel, diese Figur. Und zum anderen zu sehen wie die Menschen auf diese Figur reagieren, sehr unterschiedlich, aber spannend.
Autorin: Ein Video, das Füße zeigt, die durch Sand gehen, erinnert eine andere Frau an das Gehen durch die Wüste.
O-Ton: Das war also mit meine schönste Erinnerung, wo wir in der Nacht losgegangen sind und auf den Berg Moses geklettert sind. Komischerweise hab ich keine Angst gehabt, ja man fühlt sich dann alleine mit sich und dem Schöpfer und dem Himmel. Autorin: Einen Ort finden, um Kraft zu schöpfen, dem Strom der Masse widerstehen, den eigenen Weg gehen, ohne Angst im Einklang mit sich selbst und mit Gott. Ein Bild, das Sehnsucht weckt, inmitten der manchmal verwirrenden Vielfalt von Möglichkeiten. Auch mich zieht immer wieder dieses eine Werk an: die überdimensionale Tasche. Und mit der Zeit begreife ich warum. Sie erinnert mich an die alten Israeliten. Sie nahmen bei ihrem langen Weg durch die Wüste ein Zelt mit, in dem sie die Bundeslade transportierten, Garant für die Gegenwart Gottes in der nomadischen Gesellschaft. Gott ist mit auf dem Weg, ein Zuspruch, der auch für unser mobiles und ungeheuer mannigfaltiges Leben gilt. Und der uns Mut machen kann, zu suchen. Nach Gott zu suchen. Im Gehen und im Bleiben.
gehenbleiben
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