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Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Jesus und die Familie
Die innige Eintracht von Mutter und Kind - dafür steht die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben.
Stellen wir noch einen fürsorglichen Josef dazu, haben wir die heilige Familie vor Augen als Urbild der oft beschworenen heilen Familie. Aber so harmonisch ging es in der Familie Jesu gar nicht zu. Das Neue Testament erzählt von schweren Konflikten, die Jesus mit den Seinen hatte - ausdrücklich auch mit seiner Mutter.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Angelika Obert. Ich bin Pfarrerin im Evangelischen Rundfunkdienst Berlin. Ich mag Marienbilder. Aber ich mag auch ein Gemälde, das mit ungeheurer Frechheit die Kehrseite der Medaille zeigt. Es stammt von Max Ernst und trägt den Titel Die Jungfrau Maria verhaut den Jesusknaben vor drei Zeugen. Auch hier schwebt über dem gescheitelten Haar der Madonna ein feiner Heiligenschein. Aber die Frau befindet sich in innerem Aufruhr. Sie trägt ihr nacktes Kind nicht schützend am Herzen. Sie hat es sich übers Knie gelegt. Ihr rechter Arm holt weit nach oben aus. Gleich wird er auf das kindliche Hinterteil niedersausen, das schon deutlich gerötet ist. In den Zügen der Maria liegt eine verbissene Energie. Sie tut hier offensichtlich ihre Pflicht. Aber es liegt auch so etwas wie Kränkung in ihrem Blick: Das Kind scheint ihr fremd zu sein.
Ein schockierendes Bild: Es gehört sich einfach nicht, eine böse Mutter zu malen und schon gar nicht als Maria. Aber der Tabubruch hat auch etwas Befreiendes. Endlich wird es einmal sichtbar: Zwischen Mutter und Kind herrscht nicht nur Harmonie. Die Mutter schützt nicht nur, sie straft auch. Denn das Kind soll ja gehorchen lernen. Gehorsam ist der Preis der mütterlichen Liebe und wo er ausbleibt, tut sich der Abgrund der mütterlichen Ablehnung auf. Es ist die Pflicht der Mutter, dem Kind folgsames Benehmen beizubringen. Und es ist die Not der Mutter, immer aufs Neue damit fertig zu werden, dass das Kind sich ihren Erwartungen nicht fügt. Dass es sie oft genug mit seinem Eigenwillen provoziert.
Musik Interpret: Wim Mertens Titel: Struggle for Pleasure CD The Belly of an Architect, 2000
Autorin: Jesus, dazu bestimmt, ein neues Licht in die Welt zu bringen, war ein besonders eigenwilliges Kind. Davon zeugt die einzige Anekdote, die aus seiner Jugendzeit überliefert ist. Mit seinen gottesfürchtigen Eltern ist der Junge wie jedes Jahr nach Jerusalem gewandert und hat dort mit ihnen Pessach gefeiert. Gemeinsam mit andern Pilgern macht sich die Familie auf den Heimweg. Erst gegen Abend entdecken die entsetzten Eltern, dass ihr Sohn verschwunden ist.
Sprecher: Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn in der Tempelanlage mitten unter den Lehrern sitzen und ihnen zuhören und sie fragen. Alle aber, die ihn hörten, erstaunten über sein Verständnis und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, gerieten sie außer sich, und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, weshalb hast du uns so getan? Siehe, dein Vater und ich suchten dich voller Schmerzen. Und er sprach zu ihnen: Wieso suchtet ihr mich? Wusstet ihr nicht, dass ich im Bereich meines Vaters sein muss? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete. (Lukas 2, 47 50)
Autorin: Bestimmt ist diese Episode auch überliefert, um zu zeigen, was für ein außerordentlich inspiriertes Kind der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth war. Wir erfahren, dass er von Anfang dazu bestimmt war, mehr Gottes Sohn als irdischer Eltern Kind zu sein. Aber berichtet wird uns das Geschehen aus der Perspektive seiner Eltern. Und für sie ist er ein aufmüpfiger Halbwüchsiger, der ihnen schreckliche Sorgen macht. Hat er doch getan, was ein Kind wirklich nicht tun darf: Sich ohne einen Piep zu sagen aus dem Staub gemacht. Eigentlich hat er Strafe verdient. Seine Eltern haben mehr als drei Tage nach ihm gesucht. Man kann sich vorstellen, wie verzweifelt sie waren. So bleibt Maria ja auch nicht in Andacht stehen, als sie ihren Sohn unter erlesenen Lehrern im Tempeln erblickt. Sie gerät genauso außer sich wie eine Mutter, die ihren Sprössling auf Trebe in einem U-Bahnschacht aufliest. Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen! Josef steht schweigend dabei, wie Väter das zuweilen tun. Josef muss auch schweigen, weil er Jesu Vater im Himmel nicht in die Quere kommen darf. Auf den beruft der Zwölfjährige sich nun und gibt seinen leiblichen Eltern damit zu verstehen: Ihr seid für mich nicht die oberste Instanz. Ich bin nicht dazu da, Euch zu folgen. Eure Sorgen sind nicht Gottes Wille.
Das können die Eltern unmöglich verstehen. Sie wollen doch das Beste für ihr Kind. Sie repräsentieren doch als Vater und Mutter Gottes gute Ordnung. Aber das Kind sprengt diese Ordnung und weiß sich dabei von Gottes Geist getragen. Es bleibt Sache der Eltern, unter diesem Rätsel zu leiden. Aber vielleicht hat auch der Junge Jesus unter dem Unverständnis seiner Eltern gelitten.
2. Musik Interpret: Wim Mertens Titel: Struggle for Pleasure CD The Belly of an Architect, 2000
Autorin: Alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder, wenn sie herangewachsen sind, ihren Platz in der Gesellschaft finden. Einen ordentlichen Beruf ergreifen und eine eigene Familie gründen. Es soll den Kindern ja doch gut gehen. Dazu gehört nach unserer unausrottbaren Überzeugung eine gesicherte und sozial anerkannte Existenz. Man kann auch sagen: eine gelungene Anpassung.
Wenn sich ein Sohn wie Jesus entschließt, als Wanderprediger durch die Landschaft zu ziehen, muss das die Familie tief verstören. Er verweigert sich einem geregelten Lebensweg. Was soll nur aus ihm werden? Was haben wir bloß falsch gemacht? Vielleicht hat sich auch der Familienrat in Nazareth schon solche Fragen gestellt.
Schlimmer aber noch waren die Nachrichten, die von Jesu Tätigkeit nach Hause drangen. Um ihn scharten sich Leute, die auf der Strecke geblieben waren, die es nicht geschafft hatten, ihren Platz im sozialen Gefüge zu finden. Heute werden sie scheinbar vornehm die sozial Schwachen genannt. Damals galten sie wohl mehr als Gesindel. Es gab ja noch keine Sonderschulen, keine therapeutischen Einrichtungen, keine Heime. Wer krank war oder seelisch verstört, vegetierte so am Rande mit. In jeder Ortschaft sichtbar, aber doch gezeichnet: Von Gott gestraft oder von einem bösen Geist besessen hieß es damals von denen, die im Arbeitsprozess nicht brauchbar waren. Diesen Menschen hatte Jesus sich zugewandt. Er nahm sie ernst. Er befreite sie von ihrem Stigma, nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Für ihn waren sie nicht überflüssig, sondern gerade als Ausgesonderte Menschen, die dem Reich Gottes nahe standen. Es sprach sich herum, dass Jesus auch die Elendsten nicht abwies. Und bald hingen sie wie Trauben an ihm. Jesus wurde berühmt, aber es war eine zweifelhafte Berühmtheit. Machte er sich doch gemein mit denen, zu denen man tunlichst Abstand hielt. Für seine Familie war das peinlich. Er ruinierte ja nicht nur seinen eigenen Ruf, sondern auch den guten Namen der Familie. Er war anders konnte man es sich in Nazareth nicht erklären nun wirklich von allen guten Geistern verlassen. Seine Mutter Maria, inzwischen wohl verwitwet, besprach sich mit ihren daheim gebliebenen Söhnen: Höchste Zeit, einzugreifen. Und so berichtet das Markusevangelium, wie Jesus mitten im Heilungstrubel plötzlich unerwarteten Besuch bekam:
Sprecher: Und er kommt ins Haus. Und wieder strömt die Volksmenge zusammen, so dass sie nicht einmal eine Mahlzeit halten konnten. Und die Seinigen, die es hörten, zogen aus, um ihn zu packen. Sie sagten nämlich: Er hat den Verstand verloren. (Mk.3, 20 21)
Autorin: Sie hielten ihn für verrückt. In gewisser Weise war er das ja auch: Nicht angepasst. Wir stellen uns vor, dass Jesus seinem Vater im Himmel so tief verbunden war, dass ihm das Urteil der Welt nichts anhaben konnte. Aber er war doch ein leibhaftiger Mensch, aufgewachsen in einer ganz normalen Familie. Es muss ihm weh getan haben, dass die Seinen ihn überhaupt nicht verstanden. Ihn, den Heilenden, hielten sie für krank. Doch sie meinten es nicht böse, wenn sie ihn packen und zur Räson bringen wollten. Für die Mutter blieb er das Kind, über dessen Wohlergehen sie wachen musste. Für die Geschwister der Bruder, an den sie ihr eigenes Maß anlegten. Sie mussten ihn doch retten vor dem Verderben, in das er geradewegs zu laufen schien.
Sprecher: Und sie sagen ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder draußen suchen dich. Und er antwortete ihnen und spricht: Wer ist meine Mutter und die Brüder? Und er blickte um sich auf die im Kreis um ihn sitzende Volksmenge und spricht: Siehe, sie sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter. (Markus 3, 31 35)
Autorin: Bestimmt zwei Tage lang ist Maria gelaufen, um ihren verrückten Sohn zu treffen und zur Rede zu stellen. Wie aufgewühlt muss sie auf dem Heimweg gewesen sein! Er hat ihr das Gespräch verweigert. Er, der jeden Irren an sich heranlässt, behandelt seine Mutter wie eine Aussätzige. Er will mit ihr nicht in Berührung kommen. Aber er muss doch Schuldgefühle haben, wenn er seine Mutter so verletzt! Alle Väter und Mütter fühlen in diesem Augenblick mit Maria. Alle Söhne und Töchter erschauern vor Jesu Kaltblütigkeit. Doch es ist sein Auftrag, unsere Maßstäbe auf den Kopf zu stellen. Er hat den Auftrag, uns zu zeigen, dass Gottes Reich in unseren sittlichen Vorstellungen nicht aufgeht. Er muss sich auf die Seite der Ausgesonderten stellen, ohne Wenn und Aber. Er gehört zu ihnen, damit wir begreifen: Sie gehören zu uns. Gott ist in ihnen wie er in uns ist.
3.Musik Paco de Lucia Titel: Entre dos aguas CD: Cafe del Mar. The Best of (CD1)
Autorin: Nicht oft wird in der Kirche über diese anstößige Passage im Neuen Testament nachgedacht, in der Maria ihren Sohn für verrückt hält und Jesus sich von seiner Mutter lossagt. Sie stört das Bild von der Heiligkeit der Familie, die doch für Harmonie und Geborgenheit steht.
Tatsächlich kommt aber in der Bibel keine einzige heile, harmonische Familie vor. In den biblischen Familien wird gelitten und gestritten. Die Idee von der heilen Familie kommt nicht aus der Bibel. Sie wurde erst in der Aufklärung geboren, als helle Köpfe die Hoffnung hegten, der Mensch könne zur Tugend erzogen werden. Das sollte in den bürgerlichen Familien geschehen. Zuständig für die sittliche Erziehung wurden die Mütter. Sie hatten drinnen züchtig zu walten, während der Mann hinaus ins feindliche Leben musste. Die Kirchen konnten sich mit dem bürgerlichen Familienideal gut verbünden. Auch sie wussten sich zuständig für die sittliche Ordnung. So galt nun die bürgerliche Familie als christlich, in der Vater und Mutter in ihren festgelegten Rollen tugendhafte Kinder heranzogen. Es kam ja auch etwas Gutes dabei heraus. Doch für das Ideal wurden Opfer gebracht. Wer die sittliche Ordnung störte, musste verstoßen werden. Töchter, unverheiratet schwanger, galten als gefallen. Homosexuelle Söhne wurden geächtet. Jesus hätte sich zu ihnen gestellt und gesagt: Genau diese - sie sind meine Familie.
Nun haben diese Verwerfungen allerdings ein Ende gefunden. Privat kann heute jeder machen, was er will. Auf einmal leiden wir unter zu viel Freiheit und sehnen uns wieder nach Bindungen. Wir möchten wieder mehr Familie haben, verlässlichen Zusammenhalt erfahren. Dafür soll die Kirche auch einstehen. Aber das Vorbild Jesu weist darüber hinaus: An diejenigen, die ihren Platz in den gegebenen Ordnungen nicht finden.
Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer. Es verabschiedet sich Angelika Obert, Pfarrerin im Evangelischen Rundfunkdienst Berlin. 4. Musik Interpret: Wim Mertens Titel: Close Cover CD The Belly of an Architect, 2000
Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Jesus und die Familie
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