Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.01.08, Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann

Getröstet

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Wie ein hoher Berg liegt das Jahr vor ihr. Seit einigen Tagen ist sie wieder zu Hause.

Weihnachten und den Jahreswechsel hat sie bei den Kindern in Süddeutschland verbracht. Eigentlich hatte sie zu Hause bleiben wollen, aber die Tochter und der Schwiegersohn waren damit nicht einverstanden. „Nach Vaters Tod bist du in diesem Jahr bei uns besser aufgehoben. Die Kinder werden dich ein bisschen ablenken“, haben sie gesagt. Nach Neujahr sind sie dann noch ein paar Tage zusammen in die Berge gefahren. Das Zusammensein mit den Enkelkindern und die langen Spaziergänge haben ihr gut getan. Fast jeden Abend haben sie miteinander gespielt, manchmal sogar gelacht.

Aber nun ist sie wieder in ihrer Wohnung, die so leer ist, seit sie allein darin leben muss. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Foto ihres Mannes. Wenn sie es betrachtet, mischen sich Dankbarkeit und Zorn. Dankbarkeit für fast vierzig Ehejahre. Gewiss, ihre Ehe war nicht nur eitel Sonnenschein. Das kann ja auch gar nicht sein. Aber sie haben zusammen gehalten, und an eine Trennung haben sie nie gedacht. Und dann wird sie zornig: Warum musste er gerade jetzt krank werden und sterben? Er tat immer seine Pflicht und half den Menschen, die ihn brauchten. Das hat auf der Todesanzeige gestanden, und der Pfarrer hat es in seiner Predigt auch erwähnt.

Richtig bange wird ihr, wenn sie an bestimmte Tage in diesem neuen Jahr denkt. Im März ist sein Geburtstag. Im Mai haben sie sich kennen gelernt, im September ist der Hochzeitstag. Wie wird das sein, diese Tage zum ersten Mal ohne ihn zu erleben?

Gestern musste sie einkaufen und einiges bei der Bank erledigen. Am Schalter traf sie auf eine entfernte Bekannte, die sie sogleich freundlich begrüßte: „Ach, wir haben uns ja noch gar nicht gesehen in diesem Jahr. Ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr. Und sie werden sehen – die Zeit heilt alle Wunden!“ Die Worte sind gut gemeint. Aber wie soll dieses Jahr froh werden und wie können die tiefen Wunden heilen?

Auf dem Rückweg kommt sie an der Kirche vorbei. Davor hängt der Schaukasten mit den Gemeinde-nachrichten. Ihr Blick fällt auf ein großes, buntes Plakat: „Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ steht darauf und etwas kleiner darunter: „Jahreslosung 2008“.

„Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Als sie das liest, seufzt sie. Ja, leben, das will ich. Aber nicht so, wie meine Bekannte das will. So schnell geht das bei mir nicht mit dem Frohsein und mit der Heilung aller Wunden. Ich möchte traurig sein dürfen und vielleicht manchmal ein Lächeln wagen. Ich will die Verletzung noch empfinden dürfen und vielleicht hin und wieder einen Hauch von Freude spüren.

„Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Kann ich mit dir leben, Jesus Christus? Du kennst es doch, das Leben. Mit deinen Freunden hast du Feste gefeiert und bist fröhlich gewesen. Aber auch Schmerzen hast du ausgehalten und warst traurig – wie ich. Mit dir will ich leben, Jesus Christus. Du kennst das Leben und verstehst mich.

Audiobeitrag Getröstet


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