Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.01.08, Jost Klausmeier-Saß

Gut und Böse

„Bei dem Beitrag hätte ich gern noch ein paar Minuten länger zugehört, auch wenn ich um kurz vor 6 immer noch ziemlich müde bin.“

Das hat mir vor einigen Monaten ein Hörer von „Kirche in WDR2“ geschrieben. Mich hat das sehr gefreut, - nicht nur wegen des Kompliments.Ich finde immer spannend, was von einer Sendung so „ankommt“.Was Hörerinnen und Hörer anspricht und beschäftigt. Was sie zurückmelden.

„Können Sie eigentlich nicht mal die Guten gut und die Bösen böse sein lassen? Warum muss ich bei „Kirche in WDR2“ so oft Werbung hören, dass man auch für den fiesen Nachbarn oder irgendwelche Straftäter noch Verständnis haben soll?“ Das schrieb mir vor Kurzem eine andere Hörerin – ich nenne sie einmal Frau M. - und will ihr hiermit kurz antworten.

Ich verstehe, was Frau M. will: Eine klare Orientierung für’s Alltagsleben. „Die Guten gut - und die Bösen böse.“Eine deutliche Ansage: wer ist „gut“?, wer ist „böse“?. Klare Trennung von weißen Schafen und schwarzen Schafen. Dafür müssten „die von Kirche“ ja wohl Experten sein, scheint Frau M. zu denken.Und vielleicht klingen manche Kirchenbeiträge ja auch so, als wüssten wir das immer ganz genau.

Ich bin mir allerdings ziemlich sicher: Wir können das gar nicht wissen. Und wir sollten auch nicht klingen, als hätten wir für alles unfehlbare Urteile und objektive Wahrheiten. Klar, wär’ das Leben vielleicht manchmal einfacher, könnte man die Menschen in „Gute“ und „Böse“ einteilen. Und oft genug tun wir alle ja auch so, als wüssten wir genau, wo die Grenze verläuft.

Mit dem Menschenbild der Bibel hat das allerdings nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: zwar finden sich dort reichlich Hinweise, was das Gute sein kann, das man tun soll. Aber immer unterscheidet die Bibel zwischen dem, was der Mensch tut und dem, was er ist.

Niemand ist deshalb ganz „böse“ – ganz gleich, was er tut. Und auch „der Gute“ ist fähig, das Böse zu tun. Deshalb haben alle Menschen, auch die als Vorbilder in biblischen Geschichten auftauchen, ihre Schattenseiten. Niemand ist eben auch nur „gut“. Konsequenz daraus für’s Leben? Seid vorsichtig mit den Urteilen! Oder, um es mit Jesus zu sagen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“

Vorsicht, wenn ihr meint, andere beurteilen zu können – es könnte auf euch zurückfallen. Ihr könntet darüber außerdem die eigenen Schwächen, die eigenen Fehler aus dem Blick verlieren. „Was siehst du den Splitter im Auge des Mitmenschen – und den Balken im eigenen Auge siehst du nicht?“

Deshalb wird es in „Kirche in WDR2“ auch weiterhin „Werbung dafür geben, die Menschen und ihre Taten vorsichtig zu beurteilen. Und gerade die, die man häufig vorschnell „einsortiert“ – vor allem in die Herde der schwarzen Schafe.

Also, Frau M. – noch einmal vielen Dank für Ihre Anfrage – Und: willkommen in der Herde der grauen Schafe! Oder: unter den gescheckten Zeitgenossen. Ich glaube: Wir sind „gebrochene Menschen“ und „fragwürdige Gestalten“ – und das immer. Nie ganz schwarz, nie ganz weiß. Die Einteilung in „Gute“ und „Böse“ können Sie an dieser Stelle nicht bekommen.

Aber sehen Sie’s doch positiv: denn, - was das Schöne dabei ist: Wir müssen bei Gott gar nicht perfekt sein. Können als graue oder schwarz – weiß gescheckte Schafe unser Leben leben. Wage noch einer, uns zu verurteilen! Das ist doch sehr entlastend – oder?

Audiobeitrag Gut und Böse


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