|
Kassenzettel
Es passiert drei viermal im Jahr. Ich langweile mich. Sitze im Wartezimmer einer Arztpraxis, in einem Zug, der nicht ankommen will oder in einem Cafe.
Und plötzlich ist es soweit. Ich hole sie hervor, meine Geldbörse und rechne ab. Nein, nicht meine monatlichen Ausgaben. Die interessieren mich nicht. Was mich interessiert, ist der Preis des Lebens. Was mich das Leben kostet. Dafür sammle ich sie, die vielen Kassenbelege. Und zwischendrin sortiere ich sie. Die meisten schmeiße ich dann weg. Die von den Supermärkten und den Tankstellen. Die von den Boutiquen, den Restaurants oder von größeren Anschaffungen hebe ich auf. Zum Schluß hole ich sie dann hervor, die alten Belege. Suche das Datum und die Erinnerung.
Ah, der ist der vom 5.5.2002. Da war ich im Babymarkt. Hochschwanger. Ich konnte kaum gehen. Doch ich war glücklich. Sehr glücklich. Mir ging es wieder besser. Wochenlang hatte ich gelegen wegen vorzeitiger Wehen. Und echt Angst gehabt. Vor ´ner Frühgeburt. Doch als ich wieder gehen konnte, bin ich gleich in den Babymarkt. Was ich damals gekauft habe? Eine Wickelauflage, einen Windeleimer und eine Haarbürste. Ich muß lachen. Sogar eine Nagelschere. Aus lauter Angst irgendetwas könnte fehlen, wenn er endlich kommt, unser geliebter Sohn. Ja, das war eine harte Zeit, aber mit einem Super happy end.
Da bist du ja wieder. Gott. Bringst dich wieder ins Spiel: Als das was bleibt und nicht vergeht. Ob man will oder nicht. Als harte Währung, sozusagen. Auf die kann man sich verlassen. Du warst in der Zeit bei mir. Ja, ich habe das nicht vergessen.
Ich krame weiter. Oh: Der 13.1.1985. Verdammt lang her. Der Beleg für einen Schlafanzug. Es war der letzte, den ich für meine Mutter gekauft habe. 189 Mark hat er kostet. Als ob ein teurer Schlafanzug ihr Leben hätte verlängern können. Einmal wollte sie noch in den Gottesdienst. Da gab es sogar Abendmahl. Und irgendwie ging es uns danach besser. Nicht weil wir Hoffnung gehabt hätten, daß sie überlebt. Nein, wir hatten das Gefühl, wir schaffen das mit dem Sterben. Du, Gott, bist da. Kurze Zeit später ist sie gestorben. Viel zu jung.
Danach stimmte die Bilanz nicht mehr. Über Jahre. Du, Gott, als harte Währung hast versagt. Ja, das mußt du dir gefallen lassen. Hast den Kursschwankungen meinen persönlichen nicht stand gehalten. Ehrlich gesagt, fehlt mir meine Mutter bis heute. Den Schlafanzug habe ich übrigens neulich weggeschmissen. Den Kassenzettel nicht.
Der 18. Juni 2001: Eine Rechnung vom Sabatani, einem Restaurant in Rom, in Trastevere, meinem Lieblingsviertel. Mit unseren besten Freunden haben wir dort den Geburtstag meines Mannes gefeiert. Es war ein runder. Seit Jahrzehnten sind wir mit ihnen befreundet. Sind sie unsere Wegbegleiter. Wahnsinn! Was für ein Geschenk.
Ein ganzer Film läuft bei mir ab, die Langeweile ist verflogen. Ich packe meine Bons wieder ein und bin sehr dankbar. Meine Bilanz heute ist positiv. Meine Währung Gott ist krisenerprobt. Trotz so mancher Kursschwankungen. Für mich ist und bleibt er eine harte Währung.
Kassenzettel
|