Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.01.08, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Eine Kerze anzünden kann helfen

Erzählt habe ich es bislang nur wenigen. Irgendwie ist es mir auch peinlich. Als Frau in den besten Jahren. Und dann so was. Als eine die das Leben im Griff hat.

Oder zumindest so tut als ob. Als eine, die zudem noch evangelisch ist. Also aufgeklärt. Voll rational. Ob es meine Freundinnen machen, weiß ich nicht. Zumindest reden wir nicht darüber. Heimlich eine Kerze anzünden. Wo? Natürlich da, wo Gott ist. Wo wir glauben, daß er ist. Wo wir wollen, das er ist. Und manchmal ist er da auch. In der Kirche.

Ich habe sogar schon meinen persönlichen Dom, allerdings ist der weit weg. Mit dem Auto brauche ich sechzig Minuten. Vorausgesetzt es gibt keine Staus. Also, ich fahre eine Stunde mit dem Auto, nur um eine Kerze anzuzünden. Verrückt, nicht wahr?

Nicht daß mir der Dom besonders gut gefiele. Nein, ganz und gar nicht. Es ist ein häßlicher Betonbau, aber er bedeutet mir viel. Wir haben ihn damals für uns entdeckt. Mein Mann und ich. Noch vor dem ersten Kuß.

Wenn mir damals jemand gesagt hätte: Du wirst noch häufiger hierher kommen, nur um eine Kerze anzuzünden, hätte ich den Kopf geschüttelt, laut gelacht und gesagt: Nee! Bestimmt nicht.

Doch dieser jemand hätte recht behalten. Tatsächlich habe ich seitdem schon so manche Kerze angezündet. Eben dort: In meinem Dom. In der Ecke, wo die Mutter Gottes verehrt wird. Manchmal habe ich die Kerze aufgestellt und Gott, um etwas gebeten. Manchmal habe ich ihm auch eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten konnte. Und manchmal habe ich mich einfach bei ihm bedankt. Irgendwie hat mich das immer beruhigt. Es ist nicht dieses: Jetzt zünde ich eine Kerze an und alles wird gut. Es ist vielmehr ein „Loslassen“. Ein „sich anvertrauen“. Ein „sich hingeben“. Es gibt Dinge, auf die habe ich keinen Einfluß. Die stehen nicht in meiner Macht. Sich dies klar zu machen, kann helfen. Mir hat es geholfen.

Und wenn ich mir die vielen hundert Kerzen anschaue, dann weiß ich: Ich bin nicht allein. Es gibt auch andere, die sich an Gott wenden. Mit ihren  Sorgen und Ängsten, aber auch mit dem Schönen, was sie erleben. Und irgendwie bin ich jedesmal gerührt. Ich stelle mir vor:
Dreihundert Kerzen, das sind dreihundert Menschen, die sagen: „Ich bin am Ende. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich brauche dich, Gott.“
Dreihundert Menschen, die sagen: „Als ich das letzte mal hier war, war ich verzweifelt. Doch du hast mir geholfen. Danke.“

Dreihundert Menschen, die vor Gott alle gleich sind. Egal ob arm oder reich. Gesund oder krank. Gebildet oder ungebildet. Ich denke an die vielen tausend Kirchen in unserem Land, wo tausende von Kerzen brennen und an die Millionen Kirchen weltweit. Und an die Billionen von Kerzen, die in diesem Moment brennen. Und ich fühle, wie groß und wie stark diese Gemeinschaft ist. Diese Gemeinschaft derer, die an den glauben, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Und ich denke: Wenn davon doch etwas mehr in unserem Alltag zu spüren wäre! Wäre das nicht großartig? 

Wenn diese dreihundert Menschen, sich auch gegenseitig sagen würden, was sie belastet. Wenn eine erzählen würde: „Ich werde am Montag operiert. An der Brust. Ich habe totale Angst.“ Und wenn eine andere sie beruhigen könnte. Wenn einer erzählen würde: „ Ich bin Jurist und seit einem Jahr arbeitslos.“ Und ein anderer sagen würde: „Ja. Ich habe Arbeit für dich. Aber nur vorübergehend.“ Und, und, und ....

Damals war das sicher so. In den ersten Gemeinden. Vor 2000 Jahren. Da haben sich alle gegenseitig gekannt und geholfen.

 

Audiobeitrag Eine Kerze anzünden kann helfen


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