Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.12.07, 10.00 Uhr, Superintendentin Karin Dembek

Gott hat sein Volk getröstet

„Jauchzet! Frohlocket! Auf, preiset die Tage! Rühmet, was heute der Höchste getan!“

Bringen sie noch eine Saite in Ihnen zum Tönen, liebe Gemeinde, diese Worte und die gewaltigen Klänge, mit denen das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach beginnt? Spüren Sie die Weihnachtsfreude noch, die da mitschwingt -  von Pauken und Trompeten begleitet? Trägt Sie die gute Nachricht von der Geburt des Retters der Welt auch nach Weihnachten noch ins neue Jahr?

Oder lassen Sie sich wieder vom Alltag bestimmen? Haben nach den Feiertagen geputzt, den Weihnachtsschmuck weggeräumt, Geschenke umgetauscht und auf Silvester umgeschaltet?
Einige von Ihnen, sitzen sicher seit Donnerstag schon wieder am Schreibtisch, weil die Jahresbilanz erstellt werden muss, andere haben das neue Jahr schon terminlich verplant. Die Nachrichten sind nicht mehr weihnachtlich. Zwischendrin erinnern wir uns an das vergangene Jahr – schon wieder ein Jahr! – und werden dabei von den allabendlichen Jahresrückblicken im Fernsehen unterstützt. Der Alltag hat uns wieder – wo ist die Weihnachtsfreude geblieben, das überschwängliche Lob Gottes: „Rühmet, was heute der Höchste getan!“?
Das Jauchzen ist verklungen; das Fest der Normalität gewichen, Seufzen und Nörgeln schleichen sich ein. Die alten Klagelieder legen sich wie eine dunkle Folie über die weihnachtliche Freude und verdrängen den Lobgesang.

Das war vor über 2500 Jahren nicht anders. Doch da stimmte ein namenloser Prophet, den wir der Einfachheit halber den zweiten Jesaja nennen, diesen Lobpreis an:

 „Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ (Jes 49, 13)

Die Worte des Propheten trotzen der Klage, sie bringen zum Ausdruck, dass Gott bereits geholfen hat. Die Menschen, die im Exil an den Flüssen Babels saßen und weinten, sind bereits getröstet worden. Gott hat ihr Elend gesehen und sich erbarmt.
Das ist Grund genug, auf seine Liebe und Nähe zu trauen und darauf zu hoffen: Gott steht zu seinen Verheißungen. Er hält sein Versprechen.

Ja, Gott hat sein Volk getröstet.  Die Sätze des Propheten klingen in der Weihnachtsbotschaft an: Im Krippenkind bringt Gott seine Liebe zur Welt, die uns tröstet, die Kraft gibt und Mut, die uns aufrichtet und entlastet; in diesem Kind kommt er uns nahe, wird Gott einer von uns.

Sich darauf zu verlassen, auch nach den Weihnachtstagen, dass der Gott, der als Mensch zur Welt kam, bei uns ist und bleibt – ist es nicht das, liebe Gemeinde, was wir uns wünschen? Darauf zu vertrauen, dass Gott gar nicht anders kann, als uns treu zu sein, wenn er sich selber treu bleiben will!
Der Prophet ohne Namen wusste, dass unser Vertrauen Stärkung braucht – heute wie damals, deshalb lässt er Gott selbst zu Wort kommen:

„Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.“ (Jes 49, 15 + 16)

Das Bild zielt auf Gott – auf seine mütterliche Seite.  Wenn schon eine Mutter ihr Kind nicht vergessen kann, ja selbst, wenn sie es vergessen würde – Gott jedenfalls kann nicht, will uns nicht vergessen.

Das geht nicht, liebe Gemeinde, dass Gott sein Volk vergisst, dass er uns vergisst, denn: In seine Hand hat er uns gezeichnet.
Ein wunderschönes Bild! So wie wir uns Wichtiges in die Hand notieren, etwas, was wir auf keinen Fall vergessen wollen und worauf wir jederzeit blicken können – eine Telefonnummer oder einen Namen – so sind wir in Gottes Hand gezeichnet; eingegraben sogar, wie einige Ausleger übersetzen. Jedenfalls nicht mit Tinte geschrieben, eher einer Tätowierung gleich, nicht mehr abzuwaschen, unauslöschlich unser Name mit Gott verbunden.

Die Trostworte nehmen den Lobpreis und die Klage auf. In Bildern beschreiben sie den Grund der Freude: Gott tröstet und hat sich erbarmt, er bleibt treu und vergisst uns Menschen nicht. Die beiden Trostbilder für Israel machen auch die Weihnachtsfreude sichtbar: Gott wird einer von uns, ist unlösbar mit uns verbunden, lässt sich nicht von uns abbringen.

Mag das Weihnachtsfest auch vorüber sein, der Glanz der Kugeln und das Licht der Kerzen erloschen. Dagegen steht die gute Nachricht von Weihnachten als ein tragfähiger Grund für ein ganzes Leben.

Andante (James Hook) (Querflöte, Violine, Viola)


Der namenloser Prophet, den wir den zweiten Jesaja nenen, spricht in einer besonderen Zeit und in  eine besondere Situation.
Im Jahr 587 vor Christi Geburt hatte der babylonische Feldherr Nebukadnezar Jerusalem und den Tempel zerstört. Damals wurden viele Juden, vor allem Mitglieder der Oberschicht, als Gefangene ins Land der Sieger gebracht – in die babylonische Gefangenschaft, ins Exil.
Inzwischen waren rund 40 Jahre vergangen. Den gefangenen Juden ging es nicht schlecht in Babylonien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris: Sie durften Häuser bauen, konnten eigene Felder bestellen und verehrten inmitten der zahlreichen Prozessionen für die vielen babylonischen Götter ihren eigenen Gott. Aber das Heimweh nach Jerusalem, nach dem Berg Zion, ließ sie nicht los. Und vor allem plagten sie Zweifel und Fragen: Warum hatte Gott ihnen dieses Unrecht zugefügt? Hatte er sein Volk vergessen?

Während der Prophet die Zeichen der Zeit deutet und erkennt, dass mit dem persischen Herrscher Kyros eine Rückkehr nach Jerusalem, nach Zion möglich werden könnte, antworten die Juden in Babylon auf den jubelnden Lobpreis des Propheten, auf seine Heilsgewissheit – „der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Elenden erbarmt“ – mit heftiger und vorwurfsvoller Klage:

„Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.“ (Jes 49, 14).

Das Gefühl, verlassen zu sein, ist groß. Gott hat nicht gehalten, was er zugesagt hatte. Wo bleibt seine Treue gegenüber seinem auserwählten Volk? Da klagen Menschen, die an ihrem Glauben, an ihrem Gott im fremden Land festgehalten haben, die eigentlich der bleibenden Treue Gottes vertrauen wollen, aber die innere und äußere Wirklichkeit, in der sie leben,  verdunkelt die Zusagen Gottes. Zu lange schon hat Gott geschwiegen, meinen sie. Darum klagen sie und fordern Gott mit ihrer Klage heraus: Erinnere dich an uns! Lass uns nicht im Stich.

So ganz fern und fremd sind uns die Fragen und Zweifel nicht, die die Juden in Babylon bewegen; ihr Sehnen und Bangen, das Gefühl verlassen zu sein, von Gott im Stich gelassen. Das alles berührt sich mit unserer Sehnsucht nach den Stunden weihnachtlicher Harmonie, nach dem Glanz des Festes, mit der Enttäuschung, nicht festhalten zu können, was schön und kostbar war, mit dem Gefühl, sich auch irgendwie verloren vorzukommen und verlassen in den Tagen danach.
Ist der Festglanz verschwunden, dann gewinnen Ängste und Sorgen, Fragen und Zweifel dunkel Gestalt:
Das Gefühl der Leere, wenn das intensiv vorbereitete und geplante Fest doch so schnell vorüberging; die Einsamkeit des alten Mannes nach dem kurzen Besuch der Kinder; die Beziehungsprobleme des Paares, die Weihnachten nur verdrängt wurden; die Angst vor der Krankheit, mühsam beiseite geschoben. Und wo Gott noch war in einem Bibeltext, einem vertrauten Lied, in der Zuneigung und Zuwendung von Menschen, rückt er im Alltag wieder in die Ferne. Die Kraft der Weihnachtsbotschaft: „Gott wurde Mensch, er wurde Du für Dich!“ wird schwächer und schwächer. Gleichgültiger wird der Gott, der zur Welt kommt, zu uns und zeitweilig geht er verloren.

„Jauchzet ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“


Trotz der Verheißung klagen die Juden in Babylon – doch ihre Klage verhallt nicht im luftleeren Raum. Es ist ja kein billiger Trost, den der Prophet anbietet; er weiß, dass sanfte Trostworte so schnell verpuffen, wie sie ausgesprochen sind. Hier ist echter Trost gefragt, der die Lebenswirklichkeit der Menschen im Exil wahrnimmt, der gegen die Resignation wirkt und das Selbstmitleid verhindert. Ein Trost, der das Gegenüber Ernst nimmt und Gott im Blick behält. Noch hat die Klage ein Gegenüber: Gott. Er muss der Adressat ihrer Klagen bleiben. Er muss sich ihnen in Erinnerung bringen, damit sie seine Treue neu erinnern können und sich nicht ihrer inneren und äußeren Gleichgültigkeit hingeben. Gott will angefragt und erinnert werden, auch wenn er nie vergisst.

Als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem zurückkehrten, fanden sie eine zerstörte Stadt vor – der Wiederaufbau war mühsam und erschien in aller Plackerei und Mühe oft genug nutzlos.

Unser Alltag hat seine Probleme und das, was wir tagtäglich tun, erscheint uns nicht immer sinnvoll. Damit wir sie nicht verlieren, irgendwo unterwegs die gute Botschaft von Weihnachten, den tragfähigen Grund, können wir uns gegenseitig daran erinnern. Und Gott können wir bitten, sich uns in Erinnerung zu bringen. Er will und ja nicht loswerden und kann uns nicht mehr loslassen – der Gott mit uns.
Mag sein, liebe Gemeinde, dass es dann hin und wieder nachklingt – wenn auch ohne Pauken und Trompeten:
Jauchzet! Frohlocket!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



 

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 02.03.2008 um 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Christuskirche in Hagen übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Michael Dahme.

 


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