Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.12.07, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

Was glauben Sie denn?

In der Woche vor Weihnachten packen sie die religiösen Themen aus: Spiegel, Stern und Focus, die Magazinsendungen im Fernsehen.

Weil sie wissen, das kommt an in diesen Tagen, wo viele eben doch nach Religion und Glauben fragen, nach dem Inhalt von Weihnachten. Für Jürgen Becker, den Kabarettisten aus Köln, ist das ganze Jahr über Weihnachten. Seit Monaten tourt er mit seinem Religions-Programm durch die Lande mit dem Titel „Ja, was glauben Sie denn – Eine kabarettistische Götterspeise“, die tatsächlich fast immer ausverkauft ist. Erfolgsprogramm Religion!

Ich bin Dietmar Silbersiepe, Pfarrer der Evangelischen Kirche in Düsseldorf. In Leverkusen- Schlebusch hab ich ihn kürzlich getroffen vor einem seiner Auftritte und ihn gleich mal gefragt: Und Sie, Herr Becker, woran glauben Sie denn? Gibt es eine Wirklichkeit außerhalb des Sichtbaren, ein Leben nach dem Tod?

O-Ton Jürgen Becker: Also das ewige Leben ist als Konstruktion eigentlich nicht attraktiv, das ist zu lang, aber ne Zugabe hätte natürlich jeder gerne, und ich finde, dass die Religionen einen Trostfaktor haben dadurch, das man sagt, wenn jetzt’n Kind stirbt oder so was, dass das dann irgendwie ausgeglichen wird durch ein Weiterleben nach dem Tod, das ist ein ganz schöner Gedanke, den kann ich ganz gut akzeptieren.

Autor: Da merkt man dann ja schon: So ganz sicher ist er sich nicht, aber geradeaus und ehrlich und immer mit tiefsinnigen Gedanken bei seinen Späßen.

O-Ton Jürgen Becker: Ich halte es dann doch eher mit dem dänischen Physiker Nils Bohr, der ja eine Skihütte hatte und ein Hufeisen über der Tür sich aufgehängt hatte, und jeder fragte: wat is dat denn, ein Hufeisen über der Tür? Sie als Naturwissenschaftler, Sie glauben an so was? Und dann hat er gesagt: „Nein, ich glaube nicht daran, aber man hat mir versichert, es wirkt, auch dann, wenn man nicht dran glaubt“. Insofern sag ich den Leuten immer, was sind Sie denn, ja, ich sag, ich bin gut katholisch, ich gläuv an nix.

Autor: Da stellt sich jetzt die Frage: Kommen wir mit Jürgen Becker dem Glauben auf die Spur und dem Inhalt, dem Sinn von Weihnachten? Wir werden sehn! Und staunen. Vielleicht.

Musik: Höhner, Fest der Liebe, CD „Höhner - Weihnacht doheim un üvverall“, Track 1, LC 0193

Autor: Jürgen Becker sagt von sich, er sei ein Skeptiker, ein gesunder Skeptiker. „Ich glaub an nichts“, sagt er augenzwinkernd, und hält doch große Stücke auf den Glauben und die Kirche.

O-Ton Jürgen Becker: Der Mensch braucht ja Regeln, Räume und Rituale. Und Rituale kann die Kirche am besten, das muss man sagen.

Autor: Zum Beispiel: Kinder taufen, Paare trauen, Menschen beerdigen und eben auch Feste feiern wie Weihnachten.

O-Ton Jürgen Becker: Also, das Jahr ist ja sehr schön aufgeteilt. Das Jahr ist hektisch, und dann kommt diese herrliche Zeit, wo man Glühwein trinkt auf den Weihnachtsmärkten, ja und dann kommt diese schöne Geschichte mit Jesus und Maria und Joseph, und dann sitzt man zusammen unterm Baum, es gibt was Leckeres zu essen und so weiter. Das sind schöne Rituale, überhaupt keine Frage.

Autor: Störend ist nur ein bisschen, dass Weihnachten die Session unterbricht. Becker ist Mitbegründer der Stunksitzung, einer alternativen, kabarettistischen Sitzung im Kölner Karneval.

O-Ton Jürgen Becker: Dass das in den Karneval da reingepflanzt worden ist, ne, dat war’n bisschen unglücklich, muss man sagen, also bei der Stunksitzung müssen ja jetzt die Sitzungen vor Heiligabend schon anfangen, um ihr Programm durchzukriegen, da ist Weihnachten einfach, das stört da, das würde ich umändern, aber gut.

Autor: Und mal’n bisschen langsam, Herr Becker! Weihnachten hat ältere Rechte als die Stunksitzung. Und dass wir seit dem 4. Jahrhundert die Geburt des Gottessohnes Jesus um den 25. Dezember herum feiern, das hat gute Gründe: Die Zeit der Wintersonnenwende wurde seit alters her in fast allen Kulturen mit religiösen Riten begangen. Bei den Kelten und Germanen wurde das Julfest gefeiert zu Ehren der Wiedergeburt der Sonne. Ähnlich im alten Rom, wo zur Sonnenwende im Winter der Gott Saturn als Sol Invictus, als unbesiegbarer Sonnengott, verehrt wurde.

Und da haben sich die Christen gedacht auf einem Konzil im Jahr 381: Dem setzen wir unseren Glauben entgegen, selbstbewusst und provokant. Unsere Sonne ist Christus, und deswegen feiern wir seine Geburt ausgerechnet zur Wintersonnenwende und treiben damit den Spuk um die Sonnengötter aus.

O-Ton Jürgen Becker: Dann Ostern, nicht wahr, das ist einfach sehr gut überlegt, dass man das Jahr aufteilt mit verschiedenen Ritualen, ich finde das wunderbar, auch heidnische Rituale mit eingebaut, der Baum, die Eier, nicht, das ist ja alles wunderbar, wir sind ja eigentlich doch noch Germanen geblieben und das war auch richtig so.

Autor: Ja, da sind wir gerne Traditionalisten. Die volkstümlichen, ehemals heidnischen Bräuche gehören einfach dazu. Und sie sind nicht nur äußerer Schmuck, wenn man sich in Erinnerung ruft, was sie bedeuten. Wie eben auch der Weihnachtsbaum. Der immergrüne Tannenbaum galt seit dem Mittelalter als Symbol des Lebens und wurde mit anderen immergrünen Gewächsen wie Buchsbaum und Mistel zur Jahreswende aufgestellt als Zeichen der Hoffnung auf das Erwachen des Lebens im Frühjahr. Christlich gedeutet: die grünen Zweige als Symbol der Lebendigkeit Gottes, seiner immer grünen, immer währenden Liebe zu den Menschen, die jeden Morgen neu ist, wie die Bibel sagt, und die jedes Jahr neu an Weihnachten gefeiert wird.

Musik: Aretha Franklin, O Christmas Tree, CD „A Very Special Christmas 2“, A&M Records, Made in the U.S.A, Track 8, 31454 0003 2

Autor: Bei Jürgen Becker zu Hause stehen die alten Bräuche hoch im Kurs. Nichts Besonderes an Weihnachten bei den Beckers, einfach so das Übliche und jedes Jahr dasselbe! Was ja auch den Reiz von Ritualen ausmacht.

O-Ton Jürgen Becker:  Eltern, Schwiegereltern, alle zusammen, Kinder, Schwager, ne, dat is wie bei allen. Is sehr laut bei uns Weihnachten immer, die reden all durcheinander, wie es im Rheinland so is. Is’n relativ lautes Fest. Also das Wort Stille Nacht krieg ich nicht umgesetzt. Das is aber, ich mag das so, es is schön.

Autor: Und es gibt Geschenke. In einem vernünftigen Rahmen, betont Becker. Den Rummel in den Kaufhäusern, das Klingeln in den Kassen, den ganzen weihnachtlichen Kommerz betrachtet er gelassen.

O-Ton Jürgen Becker: Das ist unsere Welt, so ist das halt, und dass Leute ein Geschäft machen, da ist ja nichts gegen zu sagen, wir brauchen ja Arbeitsplätze. Also, das seh ich nicht so kritisch, das kann ja jeder selber für sicht bestimmen, was er inhaltlich damit macht.

Autor: Was er gar nicht mag: Wenn Gott für eigene Zwecke missbraucht wird, wenn man sich den Glauben so zurechtbastelt, wie’s einem gerade passt.

O-Ton Jürgen Becker: Jetzt is es ja so der Trend zur Wellnessreligion, ne. Sehr stark mit Meditation und Jogaübungen und so weiter wird das ja vermisch. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kirchen eines Tages Saunen haben und so weiter. Also es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Leute sich die Religion zu ihrem eigenen Wohl formen.

Autor: Dass der Glaube an Gott mir etwas bringt, dass ich davon profitiere, wenn ich glauben kann, dagegen ist nichts einzuwenden, natürlich nicht. Aber wenn Religion zur harmlosen inneren Wohlfühlmassage wird oder zur Bestätigung von Reichtum und wirtschaftlichem Profit, wenn der Glaube dazu dient, dass man sich zurücklehnt und sagt: ‚Gott hat uns mit Geld gesegnet, was interessieren uns die Armen’, dann stimmt da etwas nicht.

O-Ton Jürgen Becker: Ich weiß das noch, also früher als ich Kind war, war Gott noch so der bärtige Beobachter auf dem Fensterbrett der Umlaufbahn, so der Siedlungscontrolletti, der alles im Blick hatte. Während heute ist Gott wirklich, kann man sagen, der Sponsor, ne, der spirituelle Heilsbringer im Kofferraum des Kapitalismus.

Autor: Keiner von uns will zurück zu der Gottesvorstellung eines Big Brother, der von oben herab schaut, um uns eins auszuwischen, wenn wir Fehler gemacht haben. Aber ein Gott, der uns nicht kritisch dreinredet, der zu allem Ja und Amen sagt, was die Menschen anstellen, was sollen wir mit einem solchen Gott? In der Bibel kommt er nicht vor. Und wenn wir an Weihnachten feiern, dass Gott in dem Kind in der Krippe Mensch wurde, dann heißt das ja auch: Gott ist auf der Seite der Armen, der Obdachlosen, der Kranken, der Benachteiligten. In seinem ganzen Leben hat Jesus das deutlich gemacht.

Und das kann keinem Gläubigen entgangen sein. Auch heute nicht. Das redet uns dazwischen, wenn wir’s uns allzu gemütlich eingerichtet haben in unserem Wellnessglauben. Das fordert uns heraus, das nimmt uns in die Pflicht.

Musik: Paul Young, What Christmas means to me, CD „A Very Special Christmas 2“, A&M Records, Made in the U.S.A, Track 7, Nr. 31454 0003 2

O-Ton Jürgen Becker: Der Franz Meurer, ne, der katholische Pfarrer aus Höhenberg-Vingst, sagt immer: Gott regelt jar nix, dat müssen wir schon selber machen.

Autor: Deswegen haben die beiden auch, Jürgen Becker und Franz Meurer, eine schöne Idee gehabt. Die Idee zu einem Buchprojekt mit dem Titel: „Von wegen nix zu machen - Werkzeugkiste für Weltverbesserer“ mit lauter Tipps und Ideen, was man konkret tun kann, um die Lebensumstände von Kindern, Rentnern, HartzIV-Empfängern oder Rollstuhlfahrern zu verbessern.

Das Buch ist bereits sechzehntausendmal verkauft worden. Und die, die es gelesen haben, wissen jetzt, was Leihomas sind oder die Aktion Doppelter Espresso - Sie bezahlen zwei und einer bleibt stehen für jemanden, der’s sich nicht leisten kann - oder das Projekt Fahrradwerkstatt für Rentner und Jugendliche.

Die Jugendlichen haben sie besonders im Blick, der Pfarrer und der Kabarettist. Und dafür tun sie mehr, als Bücher schreiben.

O-Ton Jürgen Becker: Wir haben uns eine Hauptschule vorgeknöpft in Köln Ehrenfeld und machen dort Projekte mit den Schülern, und das kommt sehr gut an. Man denkt immer, an der Hauptschule, da kriegt man direkt einen vor die Waffel. Das Gegenteil ist der Fall. Die freuen sich einfach, dass sich Menschen für sie interessieren, die nicht dafür bezahlt werden.

Autor: Und bei Pfarrer Meurer in der Gemeinde können arbeitslose Jugendliche kostenfrei den Gabelstaplerführerschein machen. Solche unverbesserlichen Weltverbesserer kommen mir fast vor, wie die Hirten von Bethlehem. Man könnte ja mal die Frage stellen:
Was wäre wohl aus Maria und Joseph geworden, wenn die Hirten nicht gekommen wären?

Ich glaube: Weihnachten hätte nicht stattgefunden. Die beiden wären in ihrem Elend versunken/stecken geblieben. Wenn du ganz unten bist, dann brauchst du jemanden, der kommt und einfach da ist, der dir auch sagt: Dein Sohn ist ein Kind Gottes. Allein kannst du dir das nicht sagen. Ohne Hirten kein Weihnachten. Also: Mach dich auf! Sei Hirte und Weltverbesserer!

Musik: Harry Belafonte, Mary’s Boy Child, CD „100% Christmas Vol. 4“, Track 19, TCD Nr. 2805

Autor: Danke, Herr Becker, war jetzt alles für mich persönlich sehr interessant, was Sie uns erzählt und erklärt haben. Stellt sich nur noch eine Frage: War er tatsächlich der Sohn Gottes, dieser kleine Schreihals in Bethlehem? Oder haben sich die Menschen das alles nur ausgedacht, damit man, z.B. schöne Feste feiern kann? Gott – doch nur eine Projektion der Menschen?

O-Ton Jürgen Becker: Das muss nicht sein, dass Gott eine Projektion ist, das kann sein, muss aber nicht. Wenn man ihn projeziert, kann er ja trotzdem da sein, das ist ja kein Widerspruch, ne. Ich leb ja immer so, dat wenn et Jott jibt, dat mer dann in den Himmel so jrade noch reinkommt, vier minus reicht aus.

Autor: Da bin ich mit von der Partie, lieber Herr Becker. Ihnen und allen, die uns jetzt heute Morgen zugehört haben, ein frohes Weihnachtsfest! Wünscht Pfarrer Dietmar Silbersiepe von der Evangelischen Kirche in Düsseldorf.

Musik: Bonnie Raitt and Charles Brown, Merry Christmas Baby, CD „A Very Special Christmas 2“, A&M Records, Made in the U.S.A, Track 13, Nr. 31454 0003 2

Audiobeitrag Was glauben Sie denn?


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