Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.01.08, Antje Borchers

Dialog mit meinem Gärtner

Es gibt Zeiten, da denkt man über das Leben nach. Und was man mit seinem Leben eigentlich vorhat. Zum Beispiel, wenn man kurz vor dem Ruhestand steht.

Wenn die Eltern gestorben sind. Wenn die Beziehung in einer Krise steckt. – Das alles trifft auf »den Maler« zu. Er ist ein angesagter Maler in der Pariser Szene. Doch eines Tages kehrt er in das Haus seiner Jugend zurück, irgendwo in der südfranzösischen Provinz. Er will den Gemüsegarten seiner Mutter wieder herrichten. Auf der Suche nach einem Gärtner stößt er unverhofft auf einen alten Schulkameraden und stellt ihn ein.

Es gibt Situationen, da redet man über das Leben: beim Gärtnern, beim Malen. Die beiden Männer erleben nun viele solcher Situationen. Der Gärtner fragt den Maler: »Warum vergräbst du dich hier in diesem Kaff, in Paris bist du jemand!« »Weißt du«, antwortet der Maler, »in Paris gibt es ’ne Menge Jemande, für meinen Geschmack zu viele. Und was das Kaff betrifft… Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich gewachsen, wie alles hier, was uns umgibt.« – Die Begegnung der beiden Männer wird in dem Kinofilm »Dialog mit meinem Gärtner« erzählt. Ein leiser Film, heiter, manchmal traurig – genau das Richtige zum Jahresbeginn.

Es gibt Zeiten, da denkt man darüber nach, woher man kommt, wohin man geht und was man eigentlich mit seinem Leben vorhat. Der Gärtner jedenfalls ist kein Jemand, der auf Pariser Kunstausstellungen geht. Sein Leben hat immer in seinem »Kaff« stattgefunden, immer im gleichen Rhythmus: jeden Tag zur Arbeit, jedes Jahr der Feuerwehrausflug, jedes Jahr mit der Frau nach Nizza – und jeden Tag einen geräucherten Hering, immer um dieselbe Zeit, der schmeckt und ist gesund. Trotzdem plagen den Gärtner seit einiger Zeit fürchterliche Leibschmerzen. »Es entwickelt sich eben nicht alles so, wie man hofft«, kommentiert er. In Paris war er das letzte Mal vor 20 Jahren. Er kennt sich also nicht aus mit Malern, Komponisten, Schriftstellern. Er kennt sich aus mit Gemüse, mit dem, was wächst und vergeht. Er kennt sich aus mit dem Leben, denn er hatte viel Zeit, darüber nachzudenken.

Die beiden unterschiedlichen Männer freunden sich in langen Gesprächen an, sie sitzen bis spät in die Nacht und reden: über Familie, Kürbisse, die Farben des Sommers.

Am Ende gehen die beiden angeln, sie wollen den dicken Karpfen fangen. Der Maler fragt: »Denkst du, er ist da?« »Ob ich das denke?« Der Gärtner ist amüsiert. »Ich bin sicher, ja. Das ist wie beim Tod. Ich hatte Zeit, um mich mit ihm zu befassen. Du weißt, er ist da, ohne dass du ihn siehst. Der dicke Karpfen ist da, irgendwo, genauso wie der Tod. Er ist stumm und hat ein riesiges Maul und wenn er es öffnet, bist du schon drin, ehe du dich versehen hast.«

Den Maler berührt die schlichte Klugheit des Gärtners. In der Alltäglichkeit seines Lebens liegt eine Kraft. Es ist gut, wenn man die Zeit nutzt und über das Leben nachdenkt, über den Tod, über Gott und den Himmel. Es ist gut, merkt der Maler, damit das Leben nicht plötzlich zu Ende ist und man dort steht, wohin man vielleicht gar nicht wollte. Er erfährt aber auch: Es ist nicht einfach, es ist sogar schmerzlich. Vielleicht wird es darum in der Bibel als Gebet formuliert: »Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« Der Maler jedenfalls wird dort in der Provinz ein bisschen klüger und räumt auf, zum Beispiel in der verkrachten Beziehung zu seiner erwachsenen Tochter. »Denn«, so ein Rat des Gärtners, »du musst dich entscheiden, wen du mehr liebst, deinen Stolz oder deine Tochter«. – Er selbst, der Gärtner, ist mit der Welt im Reinen, mit sich, mit seiner Frau, mit Gott. Und den Maler hat er auf einen guten Weg gebracht.

Audiobeitrag Dialog mit meinem Gärtner


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