| |
Kommt, Kinder, lasst uns gehen (eg 393)
Es gibt Wege, die kommen einem unglaublich lang vor. Zum Beispiel der Weg durch ein neues Jahr. 52 lange Wochen. Manche wollen gar nicht erst losgehen,
zu mühsam war der letzte lange Weg. Manche stürmen drauflos, denn so beglückend wie die letzte Strecke war, kann es nur weitergehen! Vielleicht trifft das auf Sie zu. So oder so: Mit einem Lied auf den Lippen und einem schönen Ziel vor Augen lässt sich jeder Weg leichter gehen. Wie wäre es mit diesem Lied: einem Ermunterungslied für Pilger.
Choral, Strophe 1: Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Abend kommt herbei; es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei. Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern von einer Kraft zur andern; es ist das Ende gut, es ist das Ende gut.
Es ist das Ende gut! Das hören wir sonst auch oft: Alles wird gut. Aber eine Begründung liefert der Dichter dieses Liedes, Gerhard Tersteegen, auch nicht, er behauptet nur: Das Ziel ist auf jeden Fall schön. Also, kommt, stärket euren Mut. Das Ziel, das ihn lockt, ist nicht ein Etappenziel wie etwa der Urlaub im Sommer oder die Feier zum runden Geburtstag. Er hat das ganz große Ziel vor Augen: Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit wandern. weniger interessiert ihn nicht. Gut, aber bis dahin kann der Weg ganz schön unübersichtlich sein und der Mut sinken. Gerade zum Jahresbeginn, wenn ich ein bisschen Bilanz gezogen habe, kommt mir vieles unübersichtlich vor: beruflich, auch privat, besonders politisch: Klimaentwicklung, Weltwirtschaft am liebsten möchte ich manchmal gar keinen Schritt mehr gehen. Zu dieser Unübersichtlichkeit sagt Gerhard Tersteegen Wüstenei.
Wenn ich in dieser Wüstenei stehen bleibe, wird es gefährlich. Also, sagt er, lass uns gehen, selbst wenn manchmal der Mut fehlt. Denk an das Ziel! Wie ich die lange Strecke bis zur Ewigkeit bewältige, dafür hat er ebenfalls einen Tipp.
Sprecher, Strophe 4: Man muss wie Pilger wandeln, frei, bloß und wahrlich leer; viel sammeln, halten, handeln macht unsern Gang nur schwer. Wer will, der trag sich tot; wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden; wir brauchen's nur zur Not.
Pilgern ist zwar wieder in, aber durch das Leben wie ein Pilger ziehen, mit ganz kleinem Gepäck, das ist eher unüblich. Stattdessen lautet unser Motto: Sammeln, halten, handeln, also: kaufen, behalten, teurer weiterverkaufen und vom Reichwerden und vom Luxus träumen. Wer allerdings mal mehrere Tage durch die Berge gewandert ist, weiß: Der wahre Luxus, das ist Wandern ohne Gepäck. Gerhard Tersteegen empfiehlt genau das fürs Wandern durch das Leben. Mir gefällt sein recht schnippischer Satz: Wer will, der trag sich tot, wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden.
Sammeln, halten, handeln
lassen sich übrigens auch ganz andere Dinge als Autos und Bücher: Ich kann schlechte Erfahrungen sammeln, an bedrückenden Gedanken festhalten. Wer so durchs Leben zieht, der ist mit richtig schwerem Gepäck unterwegs. Wer will, der trag sich tot.
Wie wäre es für das Jahr 2008 mit wahrem Luxus in diesem Bereich? Lassen Sie schlechte Erfahrungen zurück, werfen Sie bedrückende Gedanken ab! Wandern ohne Gepäck als Motto für Ihr Jahr 2008 wie wäre das?
Choral, Strophe 6: Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Vater gehet mit; er selbst will bei uns stehen bei jedem sauren Tritt; er will uns machen Mut, mit süßen Sonnenblicken uns locken und erquicken; ach ja, wir haben's gut.
Aber leider stimmt es ja: Wir können nicht alles Gepäck loswerden. Ich kenne eine junge Studentin, Dana, die ist voller Schwung, hat gerade die Schule geschafft und schöne Pläne für ihren Berufsweg leichtes Gepäck. Im letzten Jahr ist ihr Vater krank geworden, sterbenskrank, Anfang 50, Krebs. Die Mutter hat das nicht verkraftet, sie erlitt einen Nervenzusammenbruch. Vater in der Klinik, Mutter in der Psychiatrie schweres Gepäck. Da werden die Schritte sauer. Der Dichter Gerhard Tersteegen ist nicht naiv, er weiß: Es ist noch nicht alles gut. Aber der Trost, der ihn stützt, den sagt er uns:
Sprecher: Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Vater gehet mit; er selbst will bei uns stehen, bei jedem sauren Tritt; Er will uns machen Mut mit süßen Sonnenblicken uns locken und erquicken. Ach ja, wir habens gut.
Sonnenblicke, geschickt von Gott, dem Vater, die hat Dana schätzen gelernt in ihrer schweren Zeit. Sie sagt: Dass meine Schwester und ich jetzt so zusammenstehen und einfach zupacken, wo es nötig ist, das gibt mir viel Kraft. Das ist für mich ein Geschenk Gottes. Ein Mensch an ihrer Seite, ein Lächeln am Morgen, das und viele andere Kleinigkeiten sind für Dana unerwartete Sonnenblicke Gottes. Wenn im Jahr 2008 auf Ihrem Weg Ihr Gepäck schwer wird, dann achten Sie auf jeden Sonnenblick, den Gott schickt. Und dann bleiben Sie einen Moment stehen, greifen die Hand desjenigen, der neben Ihnen steht, und seufzen Sie mit dem Dichter: Ach ja, wir habens gut.
So kann es dann doch weiter gehen. Eine alte Freundin von mir sagt manchmal, wenn sich ihr etwas Besonderes in den Weg stellt: Was ist das alles gegen die Ewigkeit!?, egal, ob es sich um fabelhafte Dinge handelt oder um herbe Enttäuschungen. Was ist das alles gegen die Ewigkeit!? Das klingt scherzhaft, aber es steckt eine tiefe Wahrheit dahinter, die so wohltuend relativiert: Das Schwere bekommt seinen Platz zugewiesen und wir freuen uns auf den Himmel. Das Schöne ist nicht alles, es ist nur ein Vorgeschmack auf das noch Schönere: die Ewigkeit. Irgendwie lässt mich das leichter werden, so dass ich federnden Schrittes durch den Alltag ziehe. So macht es auch das Lied: Es empfiehlt Reisen ohne Gepäck, aber es bleibt realistisch, irgendein Päckchen werden wir immer tragen müssen. Trotzdem wird die Melodie ausgerechnet an dieser Stelle vergnügt. Denn: Es dauert nicht mehr lang.
Choral, Strophe 10: Es wird nicht lang mehr währen, halt' noch ein wenig aus; es wird nicht lang mehr währen, so kommen wir nach Haus; da wird man ewig ruhn, wenn wir mit allen Frommen heim zu dem Vater kommen; wie wohl, wie wohl wird's tun, wie wohl, wie wohl wird's tun.
Jetzt liefert der Dichter doch noch eine Begründung für seine steile Einstiegsbehauptung Alles wird gut!. Warum? Weil wir am Ende nach Hause kommen. Nach Hause, das ist dort, wo ich geliebt bin, umsorgt von Gott, dem Vater. Wie gut wird das tun! Das ist also das schöne Ziel, mit dem Gerhard Tersteegen uns locken will. So können wir uns tatsächlich ermutigt auf den langen Weg durchs Jahr 2008 machen. Und nicht den wahren Luxus vergessen: Wandern ohne Gepäck und auf die Sonnenblicke Gottes achten.
Choral, Strophe 11: Drauf wollen wir's denn wagen, es ist wohl wagenswert, und gründlich dem absagen, was aufhält und beschwert. Welt, du bist uns zu klein; wir gehn durch Jesu Leiten hin in die Ewigkeiten: Es soll nur Jesus sein.
Das war Kirche in WDR 3 mit Antje Borchers aus Lemgo über den Choral Kommt Kinder, lasst uns gehen. Sie hörten das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter.
Kommt, Kinder, lasst uns gehen (eg 393)
|