Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.01.08, Pfarrer Dr. Sven Keppler

Das Löffelchen

Autor: „Leib“, rief eine entsetzte Männerstimme aus dem Lastwagen, als der Junge hineingeklettert war. Leib war der Name des Jungen.

Sprecher: Das blaue Bauernhemd ging ihm bis über die Hüften, aber durch die Kordel, die fest geschnürt war, glich es einem militärischen Kleidungsstück; kleiner Soldat Leib, Sommeruniform mitten im ukrainischen Winter. Dort, wo das Seitengewehr seinen Platz haben müsste, steckte ein silbernes Löffelchen.

Autor: Es war kurz vor Weihnachten 1943, in einem deutschen Kriegslazarett am Bug. Über ein Jahr lang war dort ein Jude als Heizungsfachmann beschäftigt. Nun wurde er abgeholt, kurz vor dem Rückzug der Deutschen. Leib, sein Junge, sprang freiwillig zu ihm auf den Lastwagen. Warum tat er das? Wollte er seinen Vater beschützen, mit dem Löffelchen als Degen – wie eine Leib-Garde? Leib liebte seinen Vater, der ihm das Löffelchen geschenkt hatte. Mit Leib und Seele. Und mit ganzem Herzen. Denn Herz heißt auf hebräisch Leb.

Albrecht Goes erzählt diese Geschichte wie einer, der dabei war. In diesem Jahr würde der württembergische Pfarrer und Schriftsteller seinen hundertsten Geburtstag feiern. Bekannt ist er heute nicht mehr, aber im Buchhandel finden sich noch einige seiner Werke. Seine Erfahrungen als Lazarett- und Gefängnispfarrer im Zweiten Weltkrieg haben ihn und seine Bücher geprägt. Die Erzählung „Das Löffelchen“ ist vor allem die Geschichte von Leibs Vater, dem Heizer im Lazarett. Um seine jüdische Herkunft zu verbergen, wurde er von allen Stefan genannt.

Sprecher: Stefan hatte die Witterung eines Menschen, der sich in Gefahr weiß. In kürzester Zeit kannte er uns alle und wusste, wer ihm wohlgesinnt war und wer nicht. Das Geheimnis seiner Herkunft hatte Ehni, der ihn angestellt hatte, gut gehütet, schon aus Selbstschutz. Gegen Vermutungen freilich ist man machtlos.

Autor: Eines Tages war Schwester Ulrike ins Lazarett gekommen. Mit dem Erzähler, dem Lazarettgeistlichen, unterhielt sie sich hin und wieder. Irgendwann erwähnte er Stefan, und sie stellte die verhängnisvolle Frage:

Sprecher: „Sagen Sie – entschuldigen Sie die absurde Frage – ist das ein Jude?“ Sie sah mein Gesicht. „Oder – ist das ihr Dienstgeheimnis?“ „Ja. Dienstgeheimnis. Im Dienstgeheimnis: ja.“

Autor: Später fragte sich der Pfarrer, ob er nicht mitschuldig sei an Stephans Verhaftung. Wenn er der Schwester das „Dienstgeheimnis“ nicht verraten hätte, dann wäre sie nicht losgestürzt, als die Häscher kamen. Dann hätte sie Stefan nicht aus seinem Versteck gezerrt, um ihm zur Flucht zu helfen. Sie wollte ihn retten. Aber genau dadurch wurde er entdeckt.

Viele „wenns“ und „danns“, aber das Gefühl der Schuld bedrängt den Erzähler. Gegen Ende der Geschichte spüre ich, dass dieses Schuldgefühl von Anfang an ihren leisen Grundton bildet. Albrecht Goes erzählt von dieser Schuld sehr sensibel. Genau wie von der Liebe. Denn warum, wenn nicht aus Liebe, war Leib zu seinem Vater auf den Wagen gesprungen: um ihn zu begleiten, zu beschützen?

Das alles erzählt Goes ohne jeden Kitsch, ohne falschen Trost oder billige Hoffnung. Beim Lesen war ich bedrückt von dieser Geschichte aus einer fernen Zeit. Erst nach und nach verstand ich, dass ich auch eine berührende Liebesgeschichte gelesen hatte. Von der Liebe eines Jungen zu seinem Vater, die stärker ist als der Tod.

Audiobeitrag Das Löffelchen


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