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Maria hat eine Glatze
Es sind noch gut fünf Meter und acht Tage bis zum Stall in Bethlehem. Der liegt in unserem Wohnzimmer. Jeden Morgen rücke ich Maria und Josef ein Stück weiter ins Zimmer.
Seit drei Wochen sind sie unterwegs, aus dem Keller hinauf, an die Wohnungstür, durch den Flur. Josef ist ein stattlicher Mann, mit ernsten Gesicht, Rauschebart - und einem kahlen Schädel. Das wäre nicht weiter verwunderlich. Aber auch Maria trägt eine Glatze. Und genauso und nicht anders will ich meine Krippenfiguren haben: Und warum das so ist, hat mit einer Weihnachtskarte zu tun:
Vor zwölf Jahren lag ich während der Adventszeit im Krankenhaus. Station 4b, dritte Tür rechts. Onkologie steht an der Glastür. Krebsstation. In der Weihnachtswoche wurden die meisten Patienten nach Hause geschickt. Nur einige wenige mussten bleiben. Es ging ihnen zu schlecht. Wir waren ein seltsamer Haufen. Kahlköpfig, mit Nadeln im Arm, mit vielen Ängsten und etwas Galgenhumor. Rosemarie im Bett neben mir konnte nachts nicht schlafen und telefonierte jeden Morgen mit ihren Enkelkindern.
Und dann war da noch Peter. Er musste sich einer besonders gefährlichen Therapie unterziehen. Eine Woche lag er schon auf der Isolationsstation am Ende des Ganges. Ein rotes Klebeband auf dem Boden trennt sie von dem übrigen Bereich der Station. Achtung hieß dass! Hier beginnt der Ernstfall.
Wer die rote Linie übertritt, dessen Leben hängt am seidenen Faden. Peters Lebensfaden war mikroskopisch dünn. Eine starke Chemotherapie hatte seinen Körper geschwächt, sein Körper musste seine Abwehrkräfte neu aufbauen. Von Tag zu Tag ging es ihm schlechter. Wir kannten Peter so gut wie sich Menschen in einer Lebenskrise eben kennen. Sieben Tage weckte uns die Schwester, siebenmal hieß es: kein Fortschritt.
Der Morgen des Heiligen Abend kam. In den Zimmern standen Tannengestecke. Auf dem Frühstückstablett lag für jeden von uns eine Schokokugel. Besuch kam. Rosemaries Enkelkinder aßen alle Schokokugeln auf.
An der roten Linie hörte Weihnachten auf. Keine Tanne, keine Kerze, keine Musik. Peters Frau zog den grünen Kittel an, stülpte eine Haube über, durfte eine Stunde bleiben - so wie jeden Tag. Um 21 Uhr war die Station wieder still. Rosemarie hatte eine Idee:Wir wollen Peter eine Weihnachtskarte schicken. Wir hatten aber keine. Also hat Rosemarie eine gemalt. Mit ihrem Kugelschreiber. Die Nachtschwester war erst ungehalten, aber dann ist sie von Raum zu Raum gegangen. Alle haben unterschrieben . Die Karte wurde eingeschweißt, desinfiziert und auf die Isolierstation gebracht.
Der erste Feiertag kam und der zweite. Die anderen Patienten kehrten zurück, die Tannengestecke verschwanden, die Zimmer füllten sich. Peter ging es endlich besser. Im neuen Jahr wurde sein Bett wieder auf unseren Flurteil gerollt. Ein Häuflein Mensch, das ins Leben zurückkam.
Als er wieder gehen konnte, kam er Rosemarie besuchen. Die Weihnachtskarte brachte er mit. Erst wollte ich sie gar nicht ansehen, sagte er, das war alles so weit weg. Eigentlich wollte ich nicht mehr leben. Aber dann hab ich mir Dein Bild angesehen. Auf Rosemaries Karte stand Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht finster sein.. Und darunter hatte sie Maria und Josef und das Christkind gemalt - und alle hatten eine Glatze.
Maria hat eine Glatze
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