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Schutzengel neu?
Schutzengel jetzt neu bei diesen Worten aus einem Verlagsprospekt bleibe ich hängen. Ja, was denn nun? Taugen die alten Schutzengel nicht mehr?
Sind sie zu langsam geworden für unsere schnellen Autos? Oder entkommen ihnen zu viele mit den Billig-Fliegern? Vielleicht liegt es auch an der Zeit: vor Weihnachten haben Engel Hochsaison und Schutzengel bleiben gewiss nicht verschont! Verstärkung muss her! Denn wo werden sie und ihre vielen Kollegen nicht überall eingesetzt: in den Lichterketten der Innenstädte hängen sie, in meditativen Texten werden sie beschworen, in tausend Geschichten auf die Spuren gefährdeter Menschen gesetzt, in Silber oder Gold auf Verpackungspapier gebannt, bei Adventsfeiern werden sie aus Olivenholz verschenkt. Von den Werbeprospekten gar nicht zureden. Da werden ganze Heerscharen gebraucht. Ob für Weihnachten noch welche übrig bleiben? Vielleicht war es ja sehr weise und vorausschauend gedacht von dem Verlag: Der Schutzengel jetzt neu in drei Größen, schreibt er. Vielleicht will er damit sicherstellen, dass auch am 24. noch Engel übrig sind, die an den Weihnachtsbäumen durchs Lametta schweben können.
Etwas macht mich stutzig: Warum sind sie so uniform: rote Haare, gelbe Flügel, Knopfaugen und Stupsnase über einem Grinse-Mund? Der Prospekt klärt mich auf: Schutzengel das knuffige Geschenk für Kinder. Ideal als Anhänger an Taschen oder einfach zum Knuddeln.
Komisch, dabei hab ich immer gedacht, dass wenn schon jede und jeder einen ganz persönlichen Schutzengel hat. Und dass der zum Knuddeln knuffig ist, war mir auch fremd. Mir schien es eher ein Markenzeichen zu sein, dass er unsichtbar bleibt. Wenn er rettend eingreift, merken wir es eigentlich erst hinterher. Und überhaupt: die ganze Engel und Schutzengelkonjunktur ist mir verdächtig. Nein, nicht dass ich den Engeln Böses unterstelle. Dass sie sich etwa aus geschäftlichen Gründen so vermehrt hätten. Die Menschheit wächst, da braucht es auch mehr Engel. Aber dann sollten sie doch bitteschön vermehrt dorthin fliegen, wo ihr Einsatz gefordert wird: in Kriegs- und Hungergebieten. Aber können Engel sich überhaupt vermehren? Eigentlich nicht. Sie werden vermehrt in unserer Phantasie, in unserem Reden über sie. Dabei wird ihr Bild immer diffuser und beliebiger. Sie müssen für alles und noch etwas herhalten. Mit den biblischen Engeln, z.B. den Weihnachtsengeln, haben sie dann oft sehr wenig zu tun.
Ich meine, es täte uns gut, in dieser Zeit der Inflation der Engelphantasien wieder auf die biblischen Geschichten zu hören. Wenn da Engel vorkommen, haben sie eine zentrale Aufgabe: Sie sind Boten Gottes und mehr nicht. Als ob das auch nicht genug wäre! Sie bringen seine Botschaft zu uns Menschen, ob das Maria und Joseph sind oder die Hirten oder die Frauen am Grab. Engel sind der Windhauch, mit dem das Wort Gottes in unsere Ohren getragen wird. Und von dort will Gottes Geist es in unsere Herzen bringen, damit wir Gottes Liebe für diese Welt erkennen und glauben. Von Gott reden die Engel. Manchmal singen sie auch und stiften an zum Singen. Ich habe den leisen Verdacht, dass wir so viel von Engeln reden, weil uns das Reden von dem Gott, der zu uns Menschen kommt, so fremd geworden ist, dass wir uns dafür gar schämen. Das wäre mehr als schade. Denn Weihnachten feiern, wenn das Wichtigste uns peinlich ist, geht nicht gut. Vielleicht sollten wir uns einen Engel wünschen, der uns hilft, wieder fröhlich von Gott zu reden. Oder zu singen.
Schutzengel neu?
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