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Gott im Fleisch
Was es mit Advent und Weihnachten auf sich hat, ist mir einmal in einer kleinen Erzählung deutlich geworden. Die Szene wie im Theater wird etwa so geschildert:
Am Ende der Zeit sammelten sich die Menschen vor dem Thron Gottes. Viele ehrfürchtig und scheu. Aber in einer Ecke unterhielten sich die Menschen, ja, sie redeten heftig und ungehalten. Die Umgebung schüchterte sie nicht ein: Geboren bin ich 1921 in Berlin", sagt eine Stimme, und gestorben 1944 in Auschwitz." Ich wurde gelyncht, nur weil ich schwarz bin, lässt sich ein anderer hören. In Sklavenschiffen hat man uns erstickt und die Überlebenden verkauft, wie ein Stück Vieh." Mein Leben wurde im Frieden durch eine vergessene Landmine zerfetzt. Ich wurde als Hexe bezeichnet, gefoltert und getötet. Mich hat man Faschist geschimpft, weil ich deutscher Abstammung war und in Deutschland nannte man mich nur Russe. Ich hab ein Kind verloren, das brach mir das Herz." Die Stimmen mehren sich. Wie ein Brand schwillt der Chor der Stimmen an. Und alle richten sich gegen Gott, weil er das Böse und das Leiden in der Welt zugelassen hat. Der hat` s gut in seinem Himmel", so ist zu hören, der kriegt von alledem doch nichts mit!" Man beschließt: Wir klagen ihn an! Bevor er das Recht hat, uns zu richten, soll er erst einmal das ertragen, was wir ertragen haben. So steht das Urteil fest: Gott wird dazu verurteilt, auf der Erde zu leben - als Mensch! Jeder Ankläger darf eine Bedingung hinzufügen: - Er soll als Jude geboren werden. - Die Legitimität seiner Geburt soll zweifelhaft sein. - Er soll versuchen, den Menschen zu erklären, wer Gott ist. - Seine engsten Freunde sollen ihn verraten und verkaufen. - Er soll falsch angeklagt, voreingenommen verhört und feige verurteilt werden. - Er soll erfahren, was es heißt, völlig allein und von allen Menschen verlassen zu sein. - Gott soll ihn verlassen. - Er soll gequält werden und dann sterben. Und das in aller Öffentlichkeit. Als der letzte seine Bedingung ausgesprochen hat, folgt ein langes Schweigen. Und alle, die Gott verurteilt haben, gehen leise fort. Plötzlich sieht jeder die Bilder vor sich: Die Nacht in dem Stall, unweit von Bethlehem, die Flucht nach Ägypten, den Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, das Urteil des Pilatus, das Kreuz."
Wie gesagt: diese kleine Szene hat mir vor langer Zeit einmal verdeutlicht, wofür Advent und Weihnachten stehen. In einem biblischen Satz heißt das ganz verdichtet: Er geoffenbart im Fleisch. Er, Gott, kommt hinein in unsere Welt, in unsere Existenz, in das Menschendasein.
Damit beginnt das große Geheimnis, das Mysterium der rettenden Gegenwart Gottes in unserer Welt. Gott nimmt das Urteil an, er wird Mensch. Nicht auf der Sonnenseite, nicht im Palast, sondern in banaler Alltäglichkeit, im Schatten, im Stall.
Unser Gott kommt auf diese Erde, die von unzähligen Spuren der Gewalt geschändet ist. Aber seit ER geoffenbart ist im Fleisch, zieht sich durch die Geschichte von Himmel und Erde auch diese andere Spur. Die Spur dieses Gottes, der - geheimnisvoll genug - das Urteil der Menschwerdung annimmt und angenommen hat und der diesen Weg in voller Treue zuende geht. Wer nun noch leidet, Unrecht erfährt, unter den Schatten des Todes lebt, der findet ihn an seiner Seite.
(Quelle für die Geschichte ist unbekannt)
Gott im Fleisch
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