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Gott ist schon da
Wenn das denn nun wirklich wahr wäre, das mit Weihnachten, dass Gott zu uns kommt, wie könnte das denn sein? Und wo würde er kommen und wo und wie könnten wir ihn empfangen?
Reicht das denn eigentlich, was wir für den Empfang vorbereitet haben? Das ist doch schon eine Menge: Bei keinem Staatsgast macht man schließlich einen solchen Aufstand wie zu Weihnachten. Wenn die Herrscher der G8-Staaten zum Gipfel in unser Land kommen, werden sie nach Heiligendamm in Sicherheitsverwahrung gebracht. Das hat zwar auch eine Menge gekostet, viel zu viel aber das war ja nur in einem schönen Winkel unseres Landes zu sehen. Der Schmuck für den Weihnachtsempfang aber verteilt sich über das ganze Land. Und ist ja auch erfreulicher: Statt Stacheldraht Lichtergirlanden, statt Betonpfosten Weihnachtsbäume, statt Polizeischutz Nikoläuse und Wehnachtsmänner.
Aber das ist unser Land, das ist die Öffentlichkeit, das sind die Kommunen und die Geschäfte. Doch was ist mit Ihnen? Was ist mit mir? Und wenn Gott nun zu mir kommt? Wie sieht es im Haus meines Lebens aus? Kann ich dort den höchsten Gast empfangen? Alles auf Hochglanz? Auch hinterm Sofa und unterm Teppich? Oder sollte ich da lieber noch einiges aufräumen: Die vergessenen Telefonate, die leichtfertigen Versprechen, die kleinen und großen Unaufrichtigkeiten.
Da wird mir schon ein wenig anders. Und wenn ich es mir wirklich vorstelle: Gott zu mir! ER in mein Leben! dann werde ich doch nervös. Dann ist mir der Mann aus dieser kleinen Geschichte gar nicht mehr so fremd: Ein Mann erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wolle. Zu mir? schrie er, in mein Haus?
Er rannte in alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. Unmöglich! schrie er. In diesem Dreckstall kann man keinen Besuch empfangen. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen. Er riss Fenster und Türen auf. Brüder! Freunde! rief er, helft mir aufzuräumen irgendeiner! Aber schnell!
Ob das einer hört, frage ich mich. Ich bin skeptisch. Aufräumarbeiten sind nicht beliebt. Doch er begann, sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war. Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten die Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Eimer Wasser, um die Fenster zu putzen. Und noch immer klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. Das schaffen wir nie! schnaufte der Mann. Das schaffen wir, sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. So, sagte der Mann, jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?
Sie ahnen inzwischen, wie die Geschichte zuende geht. Weihnachtlich geht sie zuende. Oder besser: Nun beginnt sie erst: Aber ich bin ja da, sagte der andere und setzte sich an den Tisch. Komm, iss mit mir! Das ist weihnachtlich: Gott kommt zur Welt auch in Ihre und meine Welt. Er setzt sich nicht zuerst an den Tisch. Er jammert nicht über das Chaos. Er macht sich an die Arbeit. Dann schmeckt` s auch wieder. Das Leben.
(Die Geschichte: Jetzt kann Gott kommen, stammt aus: Lene Mayer-Skumanz, Die Mutwurzel, Verlag St. Gabriel, Mödling gefunden bei Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 4, S 15, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz,1991)
Gott ist schon da
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