Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.12.07, Pfarrerin Kerstin Hanke

Holt Weihnachten aus dem Familienghetto

Weihnachten ist das Fest der Familie. Aber die Familie ist in der Krise. Vater, Mutter, Kind samt den dazugehörigen Großeltern harmonisch am Tannenbaum versammelt,

das gerät immer mehr zu einer exotische Ausnahme. Die Statistik bestätigt das. Die familiären Bindungen sind von unzähligen Problemen belastet und brüchig geworden. Es bleiben: Zerstrittene Geschwister, verwirrte Alte in Heimen, Patchworkfamilien, Trennungskinder, Menschen, die niemanden haben, mit dem sie feiern können. Tausende von Herzen schlagen angesichts des Heiligen Abend nicht vor Aufregung ob der Bescherung höher. Nein, sie schlagen vor Stress schneller. Denn das Konfliktpotential ist absehbar hoch. Lösungsansätze sind rar. In der Regel gilt: Das, was da stört, wird nicht zugelassen. Ausgeblendet, vermieden:

Bloß kein falsches Wort. Kein Vergleich zwischen den Geschenken. Keine Erwähnung der neuen Freundin des Vaters. Kein unbedachtes: Ich habe eigentlich keinen Hunger mehr. Den Gedanken nicht hochkommen lassen, ist das das letzte Fest mit der gebrechlichen Mutter? Das Gefühl in die Ecke packen, an mich denkt keiner, selbst an Weihnachten nicht.

In der Bibel kommt keine einzige heile, harmonische Familie vor. Maria, Josef und das Kind. Selbst dieser Urtypus der Familie befindet sich ja in einer Art Ausnahmezustand.  Meilenwert entfernt von den vertrauten Menschen. Betroffen von dem Misstrauen. Wer ist denn nun der Vater des Kindes? Betroffen von der Härte der Ausgrenzung. Kein Platz für das junge Paar, nicht gegen Geld oder gute Worte. Bleibt nur die Notunterkunft..

Da kleben sie auf- und aneinander. Doch dann füllt sich der Stall. Es kommen unerwartete Gäste. Hirten, die ein hartes, entbehrungsreiches Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Es kommen Sterndeuter. Gebildete, reiche Männer. Sie sind nicht von der Kleinfamilie eingeladen. Es ist ein Engel, der sie führt. Erst da ist dann Weihnachten, wenn sie zusammen singen, beten, Gott loben. Alle zusammen. Alle so verschieden, wie sie nun mal sind. Ohne Familienbindung, Fremde, die sich begegnen in dieser Nacht.

Heute steckt Weihnachten im Getto des Privaten fest. Trautes Heim. Glück allein. Ich finde, es ist Zeit, das zu ändern. Denn an Weihnachten geht es genau um das Gegenteil: Um die Öffnung zur Welt.

Ich wünsche mir Weihnachten eher wie ein Straßenfest. Wo wir die eigenen vier Wände, wo wir unsere Begrenzungen  verlassen. Wo auf den zentralen Orten der Stadt Zelte mit langen Tafeln aufgebaut sind. Wo Posaunenchöre spielen und man sich mit Freunden, und auch der Familie trifft. Wo man mit Menschen zusammensitzt, die man vielleicht nur in dieser einen Stunde kennt. An einem langen Tisch ist viel Platz auch für diejenigen, die sich gerade nicht so grün sind. Wo man den Platz auch mal wechseln kann, wenn man sich unwohl fühlt und nicht festgeschrieben ist auf seine Rolle als Vater, Mutter, Kind, Schwester, Gescheiterter, Einsame, Demente.

 

Audiobeitrag Holt Weihnachten aus dem Familienghetto


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