Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.12.07, Pfarrer Johannes Doering

Der neue Tag ist nicht mehr fern

Sprecherin: „Dieses Leben ist eine Reise von Schatten zu Schatten; wir sind alle Mitreisende zum Ende des Tages. Dieses Leben ist Blindheit. Fülle es mit Freundlichkeit.

Die Liebe bleibt auf der Strecke, während wir unseren Weg gehen.
Jeder von uns braucht etwas, woran er glaubt,
um das Beste aus sich zu machen.
Dieses Leben ist eine Geschichte vom Grab zur Wiege,
ein langsamer Tanz durch die dunkle Nacht
zu dem süßen Licht, nach dem wir uns sehnen.“

Musik: Procol Harum, „Fellow Travellers“ , CD: the well´s on fire,

Autor: Eine Reise von Schatten zu Schatten besingt die Gruppe Procol Harum in ihrem Lied „Fellow Travellers“  -  „Mitreisende.“ Es ist kein Kirchenlied. Von Gott ist nicht ausdrücklich die Rede. Trotzdem empfinde ich das, was es über Glauben und Liebe, über ein Leben in Blindheit und ein Licht in dunkler Nacht sagt, in hohem Maße als religiös. Es sind adventliche Motive. Mein Name ist Johannes Doering. Ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

„Advent“ heißt „Ankunft.“ Wo komme ich an  -  Tag für Tag und schlie߬lich am Ende meiner Lebensreise? Komme ich überhaupt irgendwo an?

2. Sprecherin: Ankommen heißt: am Ziel sein. Wieder zuhause. Oder am Ziel meiner Hoffnungen und Träume. Oder an einem rettenden Ufer. Ankommen heißt: zur Ruhe kommen und ausatmen. Oder auch: zupacken und mich einer Aufgabe stellen, die auf mich wartet. Ankommen kann bedeuten: je¬man¬den wiedersehen, den ich lange entbehrt und vermisst habe.

Heil anzukommen ist keineswegs immer selbstverständlich; und wir atmen erleichtert auf, wenn jemand, um den wir Ängste und Sorgen ausgestanden haben, endlich wieder da ist. Die Ankunft von Helfern oder Rettern wird oft sehnsüchtig oder sogar verzweifelt erwartet. Ankommen kann ich aber auch bei mir selbst: indem ich zu mir selber finde und mit mir ins Reine komme. Wenn ein Kind geboren worden ist, sagen wir, es sei „Nachwuchs angekommen.“

Autor: Weihnachten feiern wir den Geburtstag eines Kindes. Die Adventszeit stimmt Schritt für Schritt darauf ein. Aber Advent ist mehr als Weihnachtsvorbereitung. In der jüdisch-christlichen Überlieferung ist von einem letzten oder „jüngsten“ Tag die Rede, an dem Gott kommen und die Welt richten und erlösen werde. Diese Ankunft Gottes und der Beginn einer neuen Welt ohne Bosheit, Leid und Tod ist die andere Bedeutung der Adventszeit, die weit über Weihnachten hinausreicht.

Musik:  Ufermann, ecce vita, Die Nacht ist vorgedrungen

Sprecherin:  „Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, als wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt und der Tag nah herbeigekommen. Darum lasst uns die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichtes ergreifen.“

Autor: Paulus schreibt im 13.Kapitel des Römerbriefes von einem neuen Tag. Damit meint er nicht das Weihnachtsfest, das die ersten Christen noch gar nicht gefeiert haben, sondern die Auferweckung der Toten und den Beginn einer neuen, erlösten Welt. Die ersten Christen und viele Juden glaubten damals, dieser Tag sei nicht mehr weit.

Heutzutage glauben und sagen das eigentlich nur noch Sekten oder religiöse Randgruppen. Meistens in Verbindung mit einem göttlichen Weltgericht, das sie drohend ankündigen. Fernab von kirchlichen und frommen Kreisen ist in Büchern oder Filmen viel von Weltuntergängen und Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes die Rede. Von Krieg und Terror, Meteoriteneinschlägen, Flutkatastrophen und dem Hitze- oder Kältetod der Erde.

Ereignisse der letzten Jahre wie der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center, die Tsunami-Katastrophe am Indischen Ozean oder die Veränderungen des Weltklimas bilden den realen Hintergrund solcher Fantasien. Mit der freudigen Erwartung, mit der Paulus dem „Tag des Heils“ entgegengesehen hat, haben sie nichts zu tun. Vielmehr scheint das, was der Apostel so nah geglaubt hat, in eine unerreichbar ferne Zukunft oder ganz in eine jenseitige Welt gerückt zu sein. Solange wir auf dieser Erde leben  -  darüber machen wir uns nichts vor  -  wird es immer Hunger und Elend, Gewalt und Katastrophen geben und werden auch uns leidvolle und schmerzliche Erfahrungen nicht erspart bleiben.

Wir sind in der Tat gut beraten, uns einen realistischen Blick für die Wirklichkeit mit all ihren Brüchen und Schwierigkeiten und für unsere eigenen Grenzen und Schwächen zu bewahren. Überzogene Erwartungen an andere oder an uns selbst können letztlich nur enttäuscht werden. Ein überspannter, realitätsblinder Idealismus, der das Paradies auf Erden will und keine Kompromisse schließt, kann in um so tieferer Enttäuschung oder Verbitterung enden.

Oder er kann auch gnadenlose, unmenschliche Züge annehmen und mit Gewalt erzwingen wollen, was sich nur mit guten Worten offenbar nicht einstellen will. Da werden die „Waffen des Lichtes,“ von denen Paulus geschrieben hat, sehr wörtlich verstanden; da erklärt man sich selber zum Kämpfer des Lichtes gegen die Finsternis und versucht, die eigene Religion oder Ideologie und den eigenen Traum von einer besseren Welt gewaltsam durchzusetzen; da wird der Gegner zum Satan erklärt, den man um Gottes und der Menschen willen bekämpfen und vernichten müsse.

Sprecherin: „Dieses Leben ist Blindheit,“ singt Procol Harum  -  ein blindwütiger Fanatismus für eine vermeintliche Gerechtigkeit, der den freundlichen Blick auf die Menschen verliert, gehört zu ihren gefährlichsten Spielarten.

Autor: Was aber wird bei so viel wohlbegründetem Realismus aus dem „Tag des Heils,“ aus Gottes Ankunft, die Paulus so nah geglaubt hat? Bleibt vom Advent für uns am Ende tatsächlich nicht mehr übrig als ein wenig vorweihnachtliche Stimmung bei Glühwein, Plätzchen und Kerzenschein?

Musik:  Ufermann, ecce vita, O Heiland reiß die Himmel auf

Autor: Ein blinder Fanatismus, der eine heile Welt erzwingen will, war Paulus fremd. Gerade in seinem Bild vom Licht des neuen Tages wird das deutlich. Darauf, wann die Sonne aufgeht, haben wir ja keinen Einfluss. Und so haben wir es auch nicht in der Hand, wann und wie Gottes Tag kommt. Entscheidender als dieses, wann und wie ist, jedoch etwas anderes: nämlich die Frage, wie wir heute im Licht des künftigen Tages leben und welche verändernde Kraft für unsere Gegenwart von ihm ausgeht.

Sprecherin: Was Paulus dazu sagt, klingt überraschend unspektakulär: „Seid niemandem etwas schuldig, als dass Ihr Euch untereinander liebt.“ Oder um es mit den Worten aus „Fellow Travellers“ zu sagen: dass auf Euren Wegen die Liebe nicht auf der Strecke bleibt, sondern Schritt hält, ja daß sie die Richtung und das Tempo angibt. Dass Ihr den Menschen, mit denen Ihr zu tun habt, mit Freundlichkeit, Offenheit, Verständnis und der Bereitschaft begegnet, sie so zu bejahen, wie sie sind.

Autor: Sie sollen darin etwas von Gottes Freundlichkeit erfahren. Gerade auch diejenigen, die selten oder nie ein freundliches Wort zu hören bekommen. Die nirgendwo Anerkennung finden und nichts haben, womit sie andere beeindrucken könnten. So wie die Hirten in der Weihnachtsgeschichte, die ein hartes, entbehrungsreiches Dasein am Rande der Stadt und der Gesellschaft fristen und wohl längst jede Hoffnung auf ein besseres Leben begraben haben. Die weisen Sterndeuter aus dem Morgenland haben äußerlich alles, was den Hirten fehlt: Bildung, Reichtum und gesellschaftlichen Rang. Aber in ihrem Inneren sind sie offenbar voller Fragen und Zweifel, vielleicht auch enttäuscht und desillusioniert, auf der Suche nach einem Halt, nach lohnenden Perspektiven und einer tragfähigen Hoffnung. Und so folgen sie in der Nacht einem neuen Stern, den sie am Himmel entdeckt haben.

Sprecherin: „Dieses Leben ist eine Geschichte vom Grab zur Wiege, ein langsamer Tanz durch die Nacht zu dem Licht, nach dem wir uns sehnen:“

Autor: Das klingt melancholisch, nach nostalgischen Kindheitserinnerungen, wie sie in der Weihnachtszeit bei vielen lebendig sind. Eine rückwärtsgerichtete Erinnerung sucht die heilen Tagen in der Vergangenheit. Die Adventszeit schärft den Blick für die Zukunft: vom Grab zur Wiege, vom Tod zu neuem Leben, aus dunkler Nacht in das Licht eines neuen Tages.

So, als Beginn eines neuen Tages, erleben es auch die Hirten und die Weisen auf je ihre Weise. Die Hirten sind die Ersten, die von der Geburt Jesu erfahren: Was für eine unglaubliche Aufwertung dieser verarmten und verachteten Außenseiter der Gesellschaft! Und die Weisen finden Gott nicht in den Weiten des Himmels, den sie ihr Leben lang erforscht haben, sondern da, wo im Staub und Gedränge der Karawanserei von Bethlehem gerade in Kind zur Welt gekommen ist und seine Eltern es, so gut es unter den erbärmlichen Umständen eben geht, versorgen.

Sprecherin: Gott ist da, wo Menschen leben, lieben, arbeiten, leiden, hoffen, suchen und fragen und füreinander einstehen. Da ist tatsächlich die Nacht vorgerückt und der Tag nicht mehr fern, wie der Apostel Paulus geschrieben hat. Da ist es Advent - nicht nur drei Wochen vor Weihnachten.

Autor: Da hat Gottes Zukunft bereits begonnen und sind Anzeichen der neuen Welt bereits unter uns sichtbar und spürbar. Am Mikrofon verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.

Musik:    Ufermann, ecce vita, Jesus ist kommen

 

Audiobeitrag Der neue Tag ist nicht mehr fern


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