Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.12.07, Pfarrerin Kerstin Hanke

Eine andächtige Musique

Sprecherin: „1 Stück Bœuf à la mode, Hechte, 1 geräucherter Schinken, 1 Assiette mit Erbsen, 2 Assietten mit Spinat, 1 gebratenes Schöpsen-Viertel, gesottener Kürbis,

warmer Spargelsalat, Kopfsalat, Radieschen, frische Butter, Kälberbraten, Spritzkuchen, eingemachte Zitronenschale, eingemachte Kirschen.  Dazu wurden 44 Kannen Rheinwein und 4 Kannen Frankenwein getrunken.“

Sprecher: Das ist nicht der Küchenzettel eines adventlichen Festessens. Diese kulinarische Aufzählung ist ein Bewirtungskostenbeleg aus dem Jahre 1716. Sie macht schmackhaft deutlich, was  Johann Sebastian Bach und seine beiden Helfer anlässlich einer Orgelbegutachtung als Stärkung zu sich genommen haben. Ein opulentes Mahl als Geschäftsessen. Barocke Lebensart spricht aus der Speisefolge: Bach verstand es zu genießen.

Er war wohl ein gastfreundlicher Mann. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel erzählt, das Haus seines Vaters habe oft einem Taubenschlag geglichen. Schüler gingen ein und aus. Ein lebhaftes Heim-  bevölkert  von Kindern, Neffen und Schwägerin.

Bach war ein ungemein produktiver Komponist. Er hat für den Hof und für Bürgerhäuser komponiert.  Von Sonntag zu Sonntag hat er Kantaten geschrieben. Und das wunderschöne Weihnachtsoratorium.

Musik Johann Sebastian Bach, Bereite dich, Zion
CD Schöner die Stimmen nie klingen, LC0306

Ohne Zweifel war Bach ein frommer, gottgläubiger, ein religiöser Mensch. Da  war er ganz Kind seiner Zeit, die mit Ernst und Eifer Gott suchte. In seiner Bibel hat Bach so manche Randnotiz hinterlassen. Besonders im Alten Testament häufen sich die handschriftlichen Bemerkungen. So notiert Bach den berühmten Satz:

Bei einer andächtigen Musique ist alle Zeit Gott mit seiner Gnadengegenwart. Das heißt doch: Wo andächtig musiziert wird, da wird die Gegenwart des Geistes nicht mühevoll hergestellt oder herbeigeführt. Da stellt sich Gott von sich aus ein. Gut 150 Jahre vor Bachs Geburt hat Martin Luther hat das Wesen der Musik so beschrieben:

Sprecher: Ich liebe die Musik, denn die Musik ist eine Gabe Gottes und nicht der Menschen; sie macht das Gemüt froh;  sie verjagt den Teufel sie bereitet eine unschuldige Freude. Darüber vergehen Zorn, Begierden, Hochmut. Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie.
  
Bachs Musik lässt mir Zeit. Sie überfällt nicht. Sie zwingt nicht. Sie begegnet und bewegt.  Sie spricht mich an. Ihr Rhythmus, der scharfe Kontrapunkt, der harmonische Ausgleich zwischen mathematischer Genauigkeit und tiefer Emotion.

Sprecher: Ich spiele ....

Sprecher: so sagte Bach in seiner Jugend – Ich spiele für den besten Musiker der Welt. Vielleicht ist er nicht da – ich spiele aber immer so, als wäre er da.

Es ist eigentlich nicht erstaunlich, dass in unserer Zeit, wo die Vokabel Gott  so brüchig und hinterfragbar geworden ist,  Musik  zum Platzhalter für religiöse Gefühle wird. Menschen gehen Bach-Konzerte, sie hören das Weihnachtsoratorium, um Wesentliches zu erleben, um es auf ihre Art und Weise zu erleben, in einer aktuellen Form, die ihrem Leben entspricht. Sie genießen die Musik mit Herz und Verstand. Vielleicht finden sie dort auch Gott. Das Konzert wird zu einer eigenen Andachtsform. Ganz im Sinne Bachs hört  immer der große Zuhörer zu. Denn „ Bei einer andächtigen Musique ist alle Zeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.“

Audiobeitrag Eine andächtige Musique


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