Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.12.07, 10.00 Uhr, Pfarrerin Friederike Scholz-Druba

„Sehnsucht nach Hoffnung- Bekenntnis zur Hoffnung!“

Gott schenke uns ein offenes Ohr für sein Wort und tröstende Worte für unser Herz! So bitten wir um Gottes Segen und seine Nähe für unser Hören! Amen.

Liebe Gemeinde! Endlich ist es soweit! Es ist Adventszeit. In unseren Straßen ist nun manches anders als zu anderen Zeiten. Die Fenster der Häuser und Geschäfte sind mit Lichterglanz geschmückt, es liegt so viel Musik in der Luft, auch der Duft von Glühwein und Advents-Gebäck. Ja, die Adventszeit hat begonnen. Alle Straßen und Geschäfte sind voller Menschen. Sie sind irgendwie anders als sonst: noch geschäftiger, noch hektischer, noch unruhiger. Und ich frage mich: Was ist das eigentlich, was diese vielen Frauen und Männer so in Bewegung bringt?

Es ist nicht nur die Suche nach dem richtigen Weihnachtsgeschenk, dass zeitgenau unter dem Gabentisch liegen soll. Es ist nicht nur das Weihnachtsgeschäft, dass durchgestartet ist. Da ist noch etwas anderes tief unter der Oberfläche des Habenwollen und  Kaufenmüssen, das so viele Menschen in Bewegung bringt. Was rührt ihr Herz so tief an, dass sie manchmal auch verzweifelt nach dem „ Richtigen und Passenden“ suchen?

Könnte es sein, dass hinter dem Bemühen , Wünsche für die Liebsten zu erfüllen, ein eigener Wunsch verborgen ist? Ein Wunsch , der so tief ist, das er zur Sehnsucht wird. Da ist etwas tief in unseren Herzen, was wir nicht verlieren möchten. Hinter all dem Suchen und Kaufen der Menschen  in der Adventszeit mag dies in vielen Herzen verborgen sein: die Sehnsucht nach Hoffnung.

Jede von uns will die Hoffnung nicht verlieren, dass der Wunsch im eigenen Leben nach Liebe, nach Geborgenheit erfüllt wird. Jeder kennt die Hoffnung ,dass einer einfach da ist und sich einfühlt, meinen Weg,  meine Ängste, meine Nöte, meine Freuden, meine Wünsche  und Sehnsüchte kennt. Jede hat die Hoffnung, vom Leben, zutiefst angenommen und bejaht zu sein. wir sagen: von Gott geliebt zu sein.

Wir stehen an der Schwelle  zur Adventszeit und hören jetzt schon von weitem die Zusage von Weihnachten her: Das ist geschehen, dieser Urgrund von Vertrauen, Liebe und Hoffnung ist da, greifbar nahe und menschlich, er ist in die Welt gekommen: in Jesus, dem kleinen Kind in der Krippe, dem Erlöser und Helfer.

Und doch scheinen  diese Worte so unerhört zu sein, dass sie buchstäblich un-erhört bleiben im Trubel unserer Vorweihnachtsgeschäfte.

Adventszeit ist doch Hoffnungszeit, Zeit der Sehnsucht, des Wartens auf Erfüllung, auf Erlösung. Aber es scheint etwas Eigenartiges um die menschliche Hoffnung zu sein. Oft machen wir die Erfahrung: Gehen unsere Hoffnungen in Erfüllung- tritt plötzlich eine Leere ein. Dann ist zwar die Erfüllung da- und doch ist man nicht glücklich und zufrieden. Wir machen uns ja immer Bilder von dem, was auf uns zukommen soll, was wir ersehnen. Und was dann kommt, ist oft genug ganz anders. Es herrscht die Realität- das andere war ein Traum! Träume können perfekt sein- Erfüllung ist anders.

Auch dies kommt auf uns zu- jedes Jahr neu- die Angst vor den Tagen nach Weihnachten- die seltsame Leere-war es das wirklich?  Der Seelen-Blues nach dem Fest.- die Leere im Inneren trotz vieler Geschenke. Wir sehnen uns nach Erfüllung, aber wehe sie kommt.

Diese Erfahrung haben schon Menschen lange vor uns gemacht: Das Volk Israel hat  viele Jahrhunderte auf die Erfüllung gehofft: der Messias würde kommen, der Befreier, der der alle Hoffnungen und Wünsche erfüllt. Und als Jesus  dann kam, passte er nicht ins Bild, Jesus schien nicht die Erfüllung aller Träume und Hoffnungen zu sein. Sie sehnten sich nach der Erfüllung- aber wehe- er kam.

Heute stehen wir nun wieder an der Schwelle des Advent und wir hören die Aufforderung: Haltet fest an der Hoffnung- haltet eure Träume fest ! Erhebt eure Häupter und haltet an der Hoffnung fest!

Wie soll das gehen? Mitten in der Hektik dieser Tage? Inmitten aller Unzufriedenheit und Hoffnungslosigkeit? Wie soll das gehen? Was sind denn noch unsere Hoffnungen?

Hier in Brambauer und auch an vielen anderen Orten scheint diese Adventszeit keine hoffnungsvolle Zeit für viele Familien zu sein. Weniger Arbeit, weniger Geld –alles kostet so viel. Der kleinste Wunsch der Kinder  ist kaum zu erfüllen. Die Adventszeit scheint  auch keine hoffnungsvolle Zeit für Kinder und Jugendliche zu sein. Adventsgeschichten bei Kerzenschein - das kennen viele nicht mehr. Der Zusammenhalt der Familien und anderer Gemeinschaften bricht weg. Von Liebe  ist da nicht mehr viel zu spüren. Stattdessen : Gewalt ist alltäglich- in den Bussen und auf den Strassen.

Wie sollen wir da an der Hoffnung festhalten, dass alles gut wird? Wir hören die Aufforderung und spüren die Sehnsucht in unseren Herzen – Adventszeit ist Hoffnungszeit- wie kann ich daran festhalten? Dem gehe ich in meinen Gedanken nach:..

Orgelmusik

Liebe Gemeinde! Ich möchte mit Ihnen heute morgen einen ganz besonderen Adventsweg gehen. Wir stehen aber erst an seiner Schwelle... Nichts hindert uns, den ersten Schritt zu wagen.

Oder doch? Gibt es etwas, das uns hindert? Brauchen wir vielleicht so etwas wie eine Zugangsberechtigung, wenn wir den Adventsweg betreten wollen?Ein besonderes Gesetz, das wir erfüllen müssten, um dazuzugehören? Wir evangelische Christen kennen so etwas nicht: weder die 5 Säulen des Islam noch die sechshundert Gebote der Jüdischen Thora, noch den achtfachen Pfad der Buddhisten. Wir benötigen keine besondere Technik um jenen innersten Ort, das Heiligtum Gottes zu erreichen. Nein, denn der Weg ist frei, er liegt offen vor uns. Wir brauchen nur noch los zu gehen..seit Christi Geburt und Tod steht dem nichts mehr im Wege.

Und doch ist die Schwelle hoch. Die Sehnsucht nach Hoffnung ist in unseren Herzen groß- Aber an der Hoffnung festzuhalten, sich zur Hoffnung zu bekennen, scheint noch viel schwerer...

Auch diese Erfahrung haben Menschen lange vor uns gemacht. Im Predigttext für den heutigen 1. Adventssonntag werden uns Worte aus dem Hebräerbrief auf den Weg gegeben. Dort heißt es im 10. Kapitel: „Jesus hat uns einen ganz neuen, lebendigen Weg zum innersten Ort der Versöhnung Gottes mit den Menschen eröffnet- durch sein irdisches Leben.Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung.“

Diese Worte waren nicht an eine Einzelgemeinde gerichtet, wie die in Korinth oder Rom. Diese Worte waren damals an die Kirche insgesamt gerichtet. Die  dritte Generation nach Jesus war in in einer Krise. Die Menschen fragten sich: War das alles ? War mit Jesus der Messias, der Herr aller Herren wirklich gekommen? Die Kraft des Anfanges, die urchristliche Begeisterung war verloschen. Die Leere, der Alltag war eingekehrt. Das Bekenntnis war unsicher, brüchig geworden.

Diese Entwicklung mag uns bekannt vorkommen. Auch wir befinden uns in einer krisenhaften Zeit.Wie wird es mit unserer Kirche weitergehen? Die Kraft des Anfanges, die christliche Begeisterung scheint schon lange nicht mehr da zu sein. Geld, Mitarbeiter, Gemeinschaft- es fehlt an allem... stattdessen ist da so viel Resignation, Vereinzelung, Distanz... Kirche scheint für viele so weit wegzu sein..

Heute morgen sind wir in der Gemeinschaft der Glaubenden versammelt. Ja, es ist 1. Advent, es ist Hörfunkgottesdienst. Viele Menschen hören zu- hier in der Kirche und auch am Radio. Das ist schon etwas Besonderes. Aber da ist noch mehr. Wenn wir eingebunden sind in diese Gemeinschaft heute morgen, tut das gut- zu hören und zu spüren- da ist eine Gemeinschaft, die trägt über alle Distanzen und Zeiten hinweg, in die bin ich eingebunden und gehalten, da bin ich nicht allein. Da bin ich, da sind wir,  mit unserem ganzen Leben, mit allen unseren Hoffnungen,aber auch mit allen unseren Fehlern und mancher Schuld. Und gerade und trotzdem, wir können da sein, - einfach so..

Je heimatloser die Zeiten sind, desto mehr ist die Sehnsucht da nach einem Ort, wo wir einfach sein können..

Viele Menschen fühlen sich nicht mehr beheimatet, haben keinen innersten Ort mehr, die Fundamente der Identität brechen weg,wir sehen es an unseren Kindern und Jugendlichen, Darüberhinaus verlieren sich in der globalisierten Welt die Antlitze der Menschen. Gesichter werden austauschbar. Wie Plagen, wie Heuschrecken fallen Firmen übereinander her, saugen sich aus, Ein Menschenleben, Menschenwürde  zählt nicht mehr..

In diesen heimatlosen Zeiten wird uns ein Ort angeboten , der uns tief im Innersten berühren will. Siehe, es ist trotzdem gut! In allem Streit, in aller Ziellosigkeit- Ich bin für dich da! Ich halte zu dir! Ich gebe auf dich acht! Das ist keine Idylle, sondern Identität ..
Das ist kein Kampf- sondern Versöhnung

Dieser Ort der Versöhnung wird uns angeboten.Er ist auf verschieden Wegen zu finden. Es kommt aber auf unseren ersten Schritt an. Ob wir Gott und den anderen Menschen in dieser Kirche begegnen, gebaut vor 100 Jahren aus diesen Backsteinen. Oder in unserem Gemeindeleben oder auch auf den Straßen unseres Stadtteiles... Es kommt auf unser Bekenntnis zur Hoffnung an. Der Ort der Versöhnung wird uns geschenkt , wenn wir uns in unserem Herzen anrühren lassen und darin die Gemeinschaft Christi erfahren als inneren Ort der Versöhnung... Das ist unsere Sehnsucht Das ist unser Bekenntnis als einzelne Christen , als Gemeinde vor Ort und weltweit

In solchen Bildern der Hoffnung und Versöhnung liegt eine ungeheure Kraft gegen alle Heimatlosigkeit. Solche Bilder weisen auf eine Zukunft hin, die Gott herbeiführen wird. „Jesus hat uns einen ganz neuen, lebendigen Weg zum innersten Ort der Versöhnung eröffnet.Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung.“

Wir müssen nur den ersten Schritt tun Möge Gott uns diesen besonderen Adventsweg gehen lassen. Ja, im Advent ist alles anders- aber jetzt stimmt alles.. Voll innerem Frieden und hoffnungsvoller Gelassenheit  können wir gemeinsam in diesen Advent gehen. Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Advent. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft begreifen kann, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 30.12.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Jesus-Christus-Kirche in Kevelaer übertragen. Die Predigt hält Superintendentin Karin Dembek.


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