Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.12.07, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Träume an der Schwelle

Was haben Sie geträumt in der ersten Nacht in der neuen Wohnung, in der Nacht nach der Abreise, in der Nacht vor der Hochzeit oder

in der Nacht vor dem Antritt einer neuen Stelle? Solche Nächte sind wie Schwellen, die wir überschreiten müssen, um in einer neuen Lebenssituation anzukommen. Über Schwellen ins Unbekannte zu gehen, verunsichert. Diese Unsicherheit macht besonders empfindsam. Auch für das, was wir in unseren Träumen sehen. Sie können uns etwas zeigen über uns selbst in der neuen Lebenssituation, über das, was wir brauchen, und auch über das, was uns unterstützen kann.

Jakob, einer der Stammväter Israels, hat so geträumt. Im ersten Buch der Bibel wird erzählt: Jakob ist auf der Flucht vor seinem Bruder Esau. Der wollte ihn töten. Denn Jakob hatte ihn um den Segen betrogen. Esau, dem Ältesten, hätte er zugestanden. Mit einer fein gesponnenen Intrige hatte Jakob Vater und Bruder belogen und betrogen und sich den Segen, erschlichen. Die Sache flog auf und anstatt sich seines ergaunerten Segens zu freuen, musste er jetzt vor seinem Bruder ins Ausland fliehen.

Er zieht nach Norden über einen Gebirgszug. Nachts entdeckt er einen Platz, wo er sich hinlegen kann. Ein Stein dient ihm als Kopfkissen. Er schläft ein und träumt: Eine Leiter steht vor auf der Erde. Sie reicht bis zum Himmel. An ihr entlang steigen Engel von der Erde zum Himmel hinauf, und vom Himmel wieder zur Erde hinab. Von oben hört Jakob Gottes Stimme: Ich bin der Gott deiner Väter Isaak und Abraham. Hab keine Angst. Der Boden, auf dem du liegst, wird einmal dir gehören. Du wirst hier leben und viele Kinder haben. Deine Familie wird sich ausbreiten in alle Himmelsrichtungen. Sie werden meinen Segen zu allen Menschen auf der Erde bringen. Ich bin bei dir. Ich schütze dich überall. Ich bringe dich wieder nach Hause.“

Jakob wacht auf. Wie anders sieht der Ort nun für ihn aus: Was gestern Abend nur ein karger Schlafplatz war, ist ein heiliger Platz geworden. Weil sich Gott hier gezeigt hat. Damit hatte Jakob nicht gerechnet. Ausgerechnet ihm, dem Betrüger, hat sich Gott gezeigt. Und nicht nur das: er hat ihm geradezu Traumhaftes versprochen. Und: Gott hat ihn gesegnet. Diesen Segen hat er sich nicht erschlichen. Dieser Segen wurde ihm geschenkt.

Die Leiter aus dem Traum  sieht er noch vor sich. Sie stand am Boden, da, wo seine Füße jetzt sind. Von hier aus reichte sie bis zum Himmel, bis zu Gott. Das ist wie ein Zeichen: eine Verbindung, die fest steht und hält. Gott schenkt ihm Zukunft. Verdient hat er das nicht. Aber darum geht es Gott nicht. Gott hat ihn gesegnet, weil Gott denen, die er einmal erwählt hat, treu bleibt, auch wenn die sich seiner Treue nicht immer gewachsen zeigen. Gott bleibt Jakob  treu – und Jakob hat diesen Traum nie vergessen. Auch wenn er in seinem weiteren Leben manche Klippe zu überwinden  hatte, auch wenn andere ihn belogen und betrogen haben, auch wenn er Angst vor der Heimkehr hatte – er ließ sich leiten von seinem Traum und tat alles, was er konnte, um Gottes Versprechen Wirklichkeit werden zu lassen. Die Erinnerung an seinen Traum half ihm, bis ins hohe Alter immer wieder aufbrechen und Zukunft suchen zu können.

Ich wünsch mir für mich solche Träume. Wenn mein Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist, weil ich mich verändert habe oder die Menschen, mit denen ich lebe, weil einer gestorben ist oder eine geboren wurde, weil ich eine Arbeit gefunden oder eine Stelle verloren habe, dann tut es mir gut, wenn ich die Schwelle von einem Lebensabschnitt in den nächsten nicht alleine gehen muss. Dann  tut es mir gut, wenn Gott mich anschaut und mich segnet.

Im Traum habe ich die Worte noch nicht gehört. Doch morgen im Gottesdienst am 2. Advent werden sie  mir wieder zugesagt: Gott segne und behüte dich, Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig  Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Audiobeitrag Träume an der Schwelle


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