Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.12.07, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Träume wecken

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen durch ihr Amt für mich eine Autorität ausstrahlen: meine Schmerzen lassen nach, wenn der Narkosearzt den Raum betritt,

ich überprüfe die Geschwindigkeit auf meinem Tacho, wenn ich ein Polizeiauto entdecke, ich folge dem Rat meiner Vorgesetzten. Denen, die ein Amt bekleiden, traue ich zunächst einmal zu, dass sie dieses Amt mit Verantwortungsgefühl ausüben. Und ich neige dazu, ihnen zu gehorchen.

Im Umfeld der Weihnachtsgeschichte wird von Menschen erzählt, die zunächst einem Amtsinhaber trauen, dann aber durch einen Traum dazu bewegt werden, sich gegen ihn zu entscheiden. Ich spreche von drei Sterndeutern, die aus dem Osten kamen. Was Himmelskörper anging, war ihr Blick klar und ihr Urteilsvermögen scharf. Als sie einen unbekannten Stern am Himmel entdeckten, wussten sie: Er ist ein Hinweis auf den Geburtsort eines neuen Königs. Könige kannten sie wahrscheinlich so einige. Doch mit diesem Stern verbanden sie die Hoffnung, dass ein neuer König geboren werde. Einer, der anders sein würde als alle bisher bekannten.

Der Stern führte sie  nach Jerusalem. Dort gab es einen König. Herodes. Der war stolz darauf König zu sein. Er wollte auch König bleiben. Als die Fremden kamen und nach einem neuen König suchten,  erschrak er deshalb. Seine Gelehrten  fanden eine Prophezeiung in den Heiligen Schriften: Aus der kleinen Stadt Bethlehem wird ein König kommen, der Gottes Volk weiden wird.

Ein König, der wie ein guter Hirte sein wird. Von Herodes ist bekannt, dass er ein  brutaler Herrscher war. Er beutete sein Volk aus. Große Gebäude mussten sie bauen. Denkmäler wollte er sich setzen. Doch für die Schwachen im Volk zu sorgen, war sein Interesse nicht.

Er schickt die fremden Sterndeuter als seine Kundschafter nach Bethlehem. Sie sollen alles herausfinden über den neugeborenen König. Auf dem Rückweg sollen sie bei ihm wieder vorbeikommen und berichten. Er selbst, so sagt er, wolle dann diesem neuen König seine Reverenz erweisen. Natürlich hat er keine Sekunde daran gedacht. Aus dem Weg räumen wollte er ihn, so wir er es mit vielen Konkurrenten gemacht hatte.

Die Sterndeuter werden vom  Stern nach Bethlehem geführt. Sie finden das Kind. Sie werfen sich vor ihm auf den Boden. Mit dieser ehrfürchtigen Geste zeigen sie, dass sie ihr Leben dem Kind anvertrauen.

Und nun? Werden sie zu Herodes zurückkehren, der der rechtmäßige König in Jerusalem ist? Werden sie ihm Bericht erstatten, ahnungslos wie sie nun mal sind? Vor ihrem Aufbruch schlafen sie. Und sie träumen: Gott spricht zu ihnen. Er befiehlt ihnen, nicht zu Herodes zurückzukehren, sondern auf einem anderen Weg nach Hause zu reisen. Gottes Befehl im Traum steht gegen Herodes Befehl.

Wach geworden können die Sterndeuter zwischen Herodes und dem Kind unterscheiden. Durch den  Traum haben sie erkannt: Herodes steht für unrechtes Handeln im Amt, das Kind in der Krippe steht für Gottes Recht schaffendes Handeln. Auf der Seite dieses Königs wollen sie stehen. Sie wollen nicht mehr Handlanger von Herodes sein. Sie verweigern sich seinem Befehl.

Achte auf deine Träume, fordert mich diese Geschichte auf. Gott kann durch sie sprechen, um  deinen Blick und dein Urteilsvermögen zu schärfen. Im Traum traut sich die Kritik heraus, die ich am Tage nicht gewagt, möglicherweise gar nicht wahrgenommen habe. Im Traum traut sich der Zweifel an Autoritäten heraus, den ich tagsüber unterdrückt habe. So gesehen können Träume Mut machen, Menschen in weißen, grünen oder schwarzen Kitteln und Uniformen als die zu sehen, die sie sind: Menschen wie ich, die falsch und richtig urteilen und handeln können und denen ich keinen blinden Gehorsam schulde. Solche Träume befreien mich zu eigenständigem und verantwortungsbewusstem Handeln.

Audiobeitrag Träume wecken


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