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Träumen im Advent
Das Aufstehen fällt mir schwer an dunklen Dezembertagen wie heute. Ein Lichtblick ist dann für mich der Adventskranz auf unserem Küchentisch. Ich zünde die erste Kerze an.
Sie leuchtet warm und lebendig, anders als die Deckenlampe. Ich ahne den Geruch von Tanne und Äpfeln. Ein Adventslicht am dunklen Morgen. Es scheint auf wie ein Traum in der Nacht. Adventszeit, ja, das kann auch Traumzeit sein. Und um Träume soll es in den Morgenandachten dieser Woche gehen.
Träume eröffnen mir Räume. Wie im Kino ist das, wenn sich vor meinen Augen auf der Leinwand eine neue Welt auftut, eine Welt, die ich anschauen kann, die mich fesselt und einbezieht, die Gefühle in mir weckt und Wünsche nach mehr Leben in mir freisetzt. Ein Leben ohne Träume ist wie ein trockener Brunnen ohne Wasser, so steht es in einem Gedicht. Träume eine Art Lebensquelle? Mich machen sie lebendig und sensibel, offen für Sehnsüchte und Wünsche, offen auch für Ängste und Sorgen, offen eben für ein Mehr an Leben.
Träume heben Naturgesetze und gesellschaftliche Regeln aus den Angeln: Kinder besiegen Dinosaurier, Treppen laufen ins Nichts, Unglückliche verlieben sich, Menschen können fliegen. Therapeuten und Therapeutinnen sehen in den Träumen der Menschen, die zu ihnen kommen, Schlüssel zu ihren Lebensquellen und Lebenshindernissen.
Wie kommt es, dass wir in Träumen Grenzen überschreiten, auf Berggipfel klettern, wilde Tiere verfolgen, glückselig sind und zutiefst erschrocken? Wer führt Regie in meinem Theater der Nacht, wenn ich ganz entspannt im Tiefschlaf bin. Wenn mein Atem den Rhythmus angibt, in dem die Träume aufblitzen?
Mir hat geträumt, sagten die Menschen zu Luthers Zeiten. Sie waren überzeugt: viele Träume kommen von Gott. Das hatten sie aus der Bibel. Gott weitet Menschen den Horizont in ihren Träumen, Gott schickt die Träume los, Gott weist Menschen durch Träume auf ihre Grenzen hin. Propheten künden und deuten Träume. Sie machen sich beliebt und unbeliebt damit. Jesus überlebt, weil Gott Träume schickt: den Weisen aus dem Morgenland und Josef, seinem Vater. Hör auf deine Träume, sagen diese Geschichten zu mir. Hör genau hin, spricht Gott vielleicht auch zu dir? Ich sehe in den Träumen der Nacht Energiequellen für mein Leben am Tag. Sie zeigen mir Aspekte meines Lebens in einem neuen Licht. Sie regen mich an und machen mich wachsam. Ich bekomme Anstöße und Warnsignale. Nach dem Aufwachen hänge ich deshalb manchen Träumen noch gerne nach. Mit offeneren Augen lebe ich danach weiter und suche das, was ich gesehen habe. Vielleicht ist es ja schon längst da und ich habe es nur übersehen? Vielleicht sollte ich etwas anders machen?
Die Adventszeit mit ihrer Dunkelheit, mit ihrem Kerzenschein, mit ihren sehnsüchtigen Liedern und Gebeten macht Mut zum Träumen. Zum Träumen von einer Welt, in der es gut und gerecht zugeht, in der alle Menschen bekommnen, was sie zum Leben brauchen, in der Leben ohne Gewalt möglich ist. Sie macht Mut zum Träumen von Gott, der uns besucht.
Ein altes Lied erzählt davon so: Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden des Vaters ewigs Wort. Der Anker haft auf Erden, da ist das Schiff am Land. Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.
Träumen im Advent
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