Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.11.07, Pfarrer i.R. Hans-Dieter Osenberg

"Das Zeitliche segnen"

Sprecherin: "Der Tod ist für mich etwas Schreckliches. Daß das Leben einfach einmal aufhört, kann ich mir nicht vorstellen.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß ich die Sonne, die Blumen, die Tiere und die Menschen einmal nicht mehr sehen
kann."

Autor: Es geht mir wie der dreizehnjährigen Christine. Ich kann es mir nicht vorstellen - und bin doch mit meinen 78 Jahren gewiß näher dran als das junge Mädchen.

Guten Morgen, meine Damen und Herren. Ich bin Hans Dieter Osenberg und lebe im Ruhestand in Saarbrücken.

Totensonntag ist heute. Wir müssen über den Tod sprechen. Aber das geht, christlich verstanden, nur, wenn wir zugleich über das Leben reden. Über das Leben  vor  dem Tod, wohlverstanden.

1. Musik: Johann Sebastian Bach Prelude in gis-Moll BWV 863 (Das Wohltemperierte Klavier, Buch l) Daniel Barenboim, Klavier

Autor: Manchmal versuche ich, mich in meine eigene Beerdigung hineinzudenken. Die Todesanzeige, die Friedhofskapelle, der Sarg, die Ansprache, das offene Grab.Es geht nicht. Immer können Gedanken eine Vorstellung, ein Bild erzeugen. Beim Tod geht das nicht. Denn wenn er eintritt, löst sich mein Ich auf. Ich habe kein Gegenüber mehr, und ich habe mich selbst nicht mehr.

Auch der berühmte Psychotherapeut Sigmund Freud war überzeugt, der eigene Tod sei unvorstellbar, weil der Mensch dabei immer Zuschauer sei. Mehr noch: Unbewußt, so meinte Freud, halte sich jeder Mensch für unsterblich.

So ist auch fast jeder mehr oder weniger daran beteiligt, den Tod zu verdrängen. Aus der Mitte an den Rand. Gestorben wird im Krankenhaus, nicht mehr zu Hause. Beerdigt wird draußen vor der Stadt, nicht mehr rings um die Kirche. Und neuerdings nehmen sogar die Bestattungen unter einem Baum im Wald zu, weil selbst Gräber und Blumen nicht mehr gewünscht werden. Oder – das gibt es auch - der Tod wird verdrängt indem man ihn romantisch verklärt. Unter Hitler, während des Krieges, im "Heldentod", heute, bei den Sterbehilfe-Organisationen, als "sanfter Tod".

Da ist das schwermütige Lied, das Hiob im Alten Testament über den Menschen anstimmt, doch sehr realistisch. Man fühlt sich gut verstanden darin:

Sprecherin:"Für einen Baum gibt es noch Hoffnung. Wenn er auch umgehauen wird, kann er doch wieder treiben und seine Schößlinge hören nicht auf. Wenn seine Wurzel auch alt wird in der Erde und sein Stumpf im Staub dahinstirbt, so grünt er doch wieder, wenn er den Duft des Wassers empfängt und treibt Zweige wie ein frisch gepflanztes Reis.

Der Mensch aber stirbt und ist dahin. Er verscheidet - und niemand weiß, wo er bleibt. Wie das Wasser im See versickert, wie ein Bach versiegt und trocken wird, so vergeht der Mensch und steht nicht wieder auf." (Hiob 14, 7-12)

Autor: Für die Glaubenden in Israel ist aber erstaunlicherweise die Grenze zwischen Leben und Tod fließend. Wer hier auf Erden Gott nicht mehr loben kann, der ist schon im Tod. Denn dort, im Totenreich, so denken sie, ist das Schlimmste, daß Gottes Lob nicht mehr erklingt. So sehr sie doch davon überzeugt sind: Gottes Treue läßt uns auch dort nicht im Stich. Der Beter des 139. Psalms staunt: "Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch dort."

Alles läuft darauf hinaus: Im alten Israel ist nicht das Leben nach dem Tod Ziel des Glaubens, sondern das Leben vorher. Sterben gehört zur Geschöpflichkeit des Menschen. Daran ist nichts zu mystifizieren und zu romantisieren. Aber an jedem Tag vorher ist um so mehr ein Leben zu führen, mit dem Gott gelobt wird.

Sprecher: Kurt Marti:
wenn ich gestorben bin hat sie gewünscht: feiert nicht mich und auch nicht den tod feiert DEN der ein gott von lebendigen ist
wenn ich gestorben bin hat sie gewünscht zieht euch nicht dunkel an das wäre nicht christlich kleidet euch hell singt heitere lobgesänge
wenn ich gestorben bin hat sie gewünscht preiset das leben das hart ist und schön preiset DEN der ein gott von lebendigen ist

2. Musik: Francois Couperin Les baricades misterieuses Alexandre Tharaud, Klavier

Autor: "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen." Im Neuen Testament setzt sich diese Linie aus dem Glauben Israels fort. Jesus warnt vor der Nacht, in der niemand etwas tun kann. Das menschliche Leben hat keinen Wert an sich, sondern es ist die Zeit, in der sich an den Mitmenschen bewähren muß, was ich für eine Beziehung zu Gott habe. Taten der Liebe, begrenzte Zeit für die Versöhnung mit dem Nächsten, Frieden stiften und den Menschen Recht verschaffen. Jesus selbst macht es vor: "Ich muß die Werke wirken des, der mich gesandt hat." Nur für einen kurzen Augenblick sehnt sich Paulus einmal danach - wie er den Philippern schreibt - "aus der Welt zu scheiden, um bei Christus zu sein". Um dann doch sofort zu erkennen: Nein, es ist nötiger, "euretwegen weiter zu leben." Sterben. Es gibt einen alten, kaum noch gebräuchlichen Ausdruck dafür, den ich sehr mag:

Das Zeitliche segnen. Ich mag ihn, weil hier der Tod nicht als Drohung über dem Leben hängt, weil vom Ende her nicht ein Fluch über der verrinnenden Zeit steht, sondern Segen,

Das Zeitliche segnen. Wenn der Tod eintritt, darf ich in Gottes Namen den Segen sprechen. Über das Erreichte und Geglückte. Über das Unerfüllte und Mißratene. Über alle Menschen, die mir in Liebe begegnet sind. Über jene, denen ich selbst Liebe schuldig blieb, denen ich geschadet und die ich verletzt habe. Gott knüpft ihr ewiges Geschick nicht an mein schuldhaftes Versagen. Ich darf den Segen sprechen über ein Leben, das Gottes Ziel mit mir war. So einzigartig wie kein anderes. Selbst wenn es nicht gelang - auch im Scheitern hat es vor Gott seine Würde.

Das Zeitliche segnen. Wenn das Sterben heißt, dann könnte sich jeder aber auch jetzt schon klar machen, wieviele unnatürliche, gewaltsame Tode nicht sein müßten: auf den Straßen, in den Ländern des Hungers, der Bildungsarmut, der Kriege. In der Drogenszene, durch Raubbau am eigenen Körper. Wenigstens an irgendeiner kleinen Stelle könnte ich Helfer, Helferin gegen die großen und kleinen Tode sein, die vermeidbar sind .

Das Zeitliche segnen. Ich muß aber auch die Ursache beim Namen nennen, die mir diese Redeweise überhaupt erlaubt. Es ist die beispiellose Entscheidung Gottes, das Leben Jesu von Nazareth, voller Liebe und Hingabe, nicht mit seinem Sterben zu beenden, sondern es jedem Menschen gleichsam als seine "zweite Haut", als seine zweite Geburt anzubieten. "Ich lebe", sagt Paulus, "doch eigentlich nicht ich, sondern Christus lebt in mir."

Ich höre das und begreife doch nicht  daß es wahr sein soll. Ich sage es anderen und brauche doch selbst jemanden, der es mir sagt. Jetzt - und im Sterben, wenn ich das Zeitliche segnen darf.

Sprecherin: Helmut Gollwitzer:
"Nichts ist gleichgültig. Ich bin nicht gleichgültig. Alles, was wir tun, hat unendliche Perspektiven - Folgen bis in die Ewigkeit. Es bleibt nichts vergessen. Es kommt alles noch einmal zur Sprache. Es geht nichts verloren. Wir sind geliebter, als wir wissen. Wir kommen aus Licht und gehen in Licht. Es lohnt sich, zu leben."

Martin Petzold, Tenor Vers aus Lied EG 503  
Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, daß ich dir stetig blühe; gib, daß der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.

Sprecher: (Rezitator Otto Sander . Einspielung von CD)
Mach in mir deinem Geiste Raum, daß ich dir werd ein guter Baum und laß mich wohl bekleiden. Verleihe, daß zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis und laß mich bis zur letzten Reis' an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonst keinem mehr hier und dort ewig dienen.

Autor: Das war  Liederdichter Paul Gerhardt, dem Jubilar dieses Jahres, verabschiedet sich Hans Dieter Osenberg aus Saarbrücken.

5. Musik Orgel

Martin Petzold, Tenor
Vers aus Lied EG 503 ("Geh aus, mein Herz")
Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen."

Audiobeitrag "Das Zeitliche segnen"


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