Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.11.07, Bettina von Clausewitz

Gregorianischer Gesang ist wie ein Gebet

Musik; CD: „Gregorianische Gesänge, In hymnis et canticis.“ Choralschola der Folkwang Hochschule Essen, Carus Verlag Stuttgart 2007. LC-Nr.: 3989Choral „Gloria .....

Autorin: A cappella, ohne instrumentale Begleitung und auf Latein, so werden die gregorianischen Choräle seit Jahrhunderten in der christlichen Kirche gesungen. Das heutige Repertoire ist im Kern mehr als 1.000 Jahre alt, und doch wird es noch immer gelehrt, gesungen und von Insidern geliebt. Ein musikalisches Phänomen, denn dieser schlichte Gesang mit seiner ungewöhnlichen Klangwelt entfaltet seit Jahrhunderten eine erstaunliche Faszination. Auch heute noch, am Totensonntag etwa, trotz einer schnelllebigen modernen Welt, wie Professor Stefan Klöckner von der Folkwang Hochschule in Essen erlebt hat.                

O-Ton: Also es ist kein Exotenthema, sondern es ist zunehmend zu beobachten, dass Menschen sich dafür interessieren. Ob das jetzt musikalische Laien und Liebhaber sind im guten Sinne des Wortes, oder ob das musikalische Fachleute sind, die das vertiefen wollen, vom Opernsänger bis hin zum Kirchenmusiker, das ist inzwischen eine große, breite Bewegung geworden.   
        
Autorin: Eine Bewegung allerdings etwas abseits vom Mainstream des gängigen Musikgeschmacks, das ist klar. Und gewöhnungsbedürftig ist der alte Mönchsgesang auch. Aber für Menschen, die sich auf eine spirituelle Suche gemacht haben, die die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens neu stellen, sind die Choräle wie ein Atemholen für die Seele. Erfahrungen von Teilnehmenden eines Gregorianik-Kurses an der Essener Folkwang Hochschule, während der Unterrichtspause:      
  
O-Ton: Ich bin Lehrerin für Latein und Religion und meine Passion ist das Singen. Und das intensivste Singen ist, wie ich denke, ist wirklich das gregorianische Singen, weil es ganz viele Inhalte vermittelt, spirituelle und auch theologische.                

O-Ton: Ich bin in Oldenburg im Opernchor des Staatstheaters, ich bin Opernsänger, und für mich ist das einfach eine interessante Weiterbildung, die ich seit drei Jahren jetzt mache, weil ich kirchlich sehr engagiert bin und mich insgesamt weiterbilden möchte und das so intensiv natürlich eine tolle Gelegenheit ist.
     
O-Ton: Es kamen Menschen von außen auf uns zu und sagten, sie hätten das Choralsingen in unserem Gottesdienst gehört und sie würden das gerne selber machen. Und darauf habe ich einen Termin vereinbart und hab eingeladen, ganz frei, durch so kleine Plakate in unserer Umgebung, und es kamen Leute, die sich seither regelmäßig treffen ...

Autorin: .Erfahrungen, bei denen es keine Rolle spielt, ob jemand evangelisch, katholisch oder konfessionslos ist. Ob jemand selber singt oder einfach nur zuhört und sich von der Sehnsucht tragen lässt.

Musik: Gregorianik-CD,: Track 15, „Sanctus ....“ 

Autorin: Hinein in eine Welt, die nicht von Terminkalender, Leistungsdruck oder Zukunftsangst geprägt ist. Darin sieht Gregorianik - Professor Stefan Klöckner den wichtigsten Grund für die Wiederentdeckung.     
       
O–Ton: Wir sehen das in den Kirchen, dass eine große Sehnsucht, nach Ruhe, Spiritualität und Besinnung besteht. Und zwar Spiritualität des erklingenden Wortes. Das heißt, dass man Zeit hat, sich auf ein Wort zu konzentrieren. Es ist natürlich in erster Linie Gebet. Es ist so gedacht gewesen, und auch heute erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen, die nicht mehr beten können, oder nie beten konnten, über solche Gesänge langsam wieder an ein Gebet herangeführt werden.  Das ist eine wunderbare Erfahrung.  

Weitere Infos zur Gregorianik: www.stefan-kloeckner.de

 

Audiobeitrag Gregorianischer Gesang ist wie ein Gebet


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