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Nur ein Umzug
Guten Morgen! In diesem Jahr bin ich mit meiner Familie umgezogen. Wir haben diesen Schritt lange hinausgezögert,
weil so eine Veränderung auf der Skala der großen Stressfaktoren ziemlich weit oben steht, irgendwo zwischen Trennung und Arbeitsplatzverlust. Aber dann kam der Tag, an dem wir spürten: Jetzt oder nie! Früher hätte man vielleicht gesagt: Die Sterne stehen günstig. Und wer sich in seinem Leben von Gott begleitet glaubt, hört vielleicht so etwas wie einen Ruf. Dass wir uns nicht missverstehen: Kein Mikrofon könnte das aufzeichnen, Aber in uns selbst meldet sich dennoch etwas. Etwas Herausforderndes ist es meist. Provozierend. Verlockend und ängstigend. Die meisten spüren dann eine Art Prickeln im Bauch. Dann kommt noch der Zauber hinzu, der jedem Anfang innewohnt, wie es in einem Gedicht von Hermann Hesse heißt. Jetzt gilt's!
Ab sofort läuten die Sturmglocken. Wenn eine große Familie umzieht, ist das ein logistischer Kraftakt. Ich möchte heute Morgen nur den Augenblick betrachten, wenn alles verladen und unterwegs ist. Die Schlüssel der alten Wohnung sind abgegeben, die neue erwartet uns. Im Rückspiegel noch ein Blick zum Abschied. Wo wir lange Jahre lebten, werden andere sein. Die haben schon angekündigt, dass die Küche verlegt werden soll. Eine Mauer wird eingerissen werden. Die nach uns kommen, werden anders leben und damit etwas von uns übermalen, auslöschen.
Und wir? Wir ziehen in ein Haus, das schon 150 Jahre gesehen hat. Wo wir einziehen, waren andere vor uns. Generationen von anderen. Die letzten sind geflohen und haben mehr als Siebensachen hinterlassen. Wir haben entrümpelt und mit jedem Teil, das im Container landete, Lebensspuren getilgt: Abgefahrene Reifen, muffige Kleider, zerfetzte Kinderbücher. Man kann vieles entsorgen, aber etwas bleibt und meldet sich. Manches kann man sehen und anfassen, nachdem man es abgestaubt hat. Ein Notenheft für Klavierübungen. Ein Kassenbuch des kleinen Schmucklädchens, das hier einmal war. Sorgfältig vermerkt ist jedes Ringlein, jeder Einkauf. In Sütterlinschrift. Oder ein Nagel, den ein Schmied gemacht haben muss. Ein kleiner Steinbock, aus dem Blech einer alten Dose geschnitten. Selbst wenn man all diese Dinge einmal weggeben würde: Es bleibt etwas von dem Geist der Menschen, die hier aufwuchsen, heirateten, Kinder bekamen, alt wurden und gestorben sind. Mit keiner Kamera ist das aufzuzeichnen, Sie verstehen mich schon. Aber wozu hat der Mensch ein Herz?
Im Rückspiegel verschwindet das Alte. Alles ist jetzt auf dem Weg zu neuen Ufern, rumpelt im Lastwagen von hier nach dort. Jede Tasse, jeder Stuhl, jeder von uns. Es ist nur ein Umzug. Aber er zeigt mir zwei wichtige Dinge: Gast sind wir auf Erden. Eine feste Heimstatt schützt zwar vor Regen und Kälte, aber sie ist immer nur vorläufig. Und ein anderes: Auch wenn am Ende, hinter und nach uns, alles besenrein ist: Etwas bleibt. Von uns und von denen die vor uns waren.
Nur ein Umzug
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