Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.11.07, Michael Möller

Finkenrath in Versuchung

Seit einiger Zeit betet Finkenrath das Vaterunser in einer ganz persönlichen Fassung. Die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“ war ihm zwar immer schon ein bisschen

verschroben vorgekommen. Er hatte sich nie so richtig vorstellen können, dass der himmlische Vater jemanden mit Absicht in Versuchung führen  will. Nun aber, wenn er zu seinem täglichen Vaterunser die Hände faltet, betet er an dieser Stelle „Und führe uns aus der Versuchung“ Und das kam so:

Schon länger hat Finkenrath nicht mehr geraucht. Es fehlt ihm nichts. Pfeife und Zigarren hat er aus seinem Leben verbannt, weil seine Beine schmerzten nach dem Genuss von zu viel Rauch. Seinen Gefäßen ging es seitdem besser und seiner Umwelt auch.
Die Versuchung ereilte ihn auf einem Stadtbummel durch Brühl. Die erste Attacke geschah in Form einer Duftwolke, die ein Passant aus einer wohlgeformten, klassischen Apple-Pfeife dreist verströmte. Ein schwerer Duft mit einer Zimtnote. Finkenrath musste für einen Moment die Augen schließen und sah sich zurückversetzt in die Zeit, als er sich solchen Düften hingegeben hatte, träumend, meditierend und für manche halbe Stunde vollkommen eins mit sich und dem Weltganzen.

Die zweite Stufe der Versuchung war die Auslage eines unscheinbaren Tabakwarenladens, der sein Geld auch mit Zeitschriften und Lottoannahmen verdiente. Im Fenster lagen in tabakbraunen Zedernholzschatullen Herrlichkeiten aller Länder: Exotische Namen bezeichneten die Zigarren: Bolivar, Rafael Gonzales, Guantanamera. Mit diesen Namen erklang in Finkenrath die Melodie der Erinnerung und der Versuchung

Finkenrath erblickte über die Auslage hinweg eine offenbar freundliche Verkäuferin, die gerade einen künftigen Lottokönig bediente. Von ihr wollte er sein 20-Minuten-Glück erwerben, sie sollte die Fährfrau werden für einen kleine Überfahrt ins Land der Träume. - Entschlossen der Versuchung nachzugeben betrat Finkenrath den Laden, grüßte, sondierte die Lage und sagte: „Schon ewig hab ich nicht mehr geraucht. Heute mache ich eine Ausnahme. Haben Sie nicht etwas Aromatisches aus Sumatra oder Brasilien für mich? Nur eine einzige Zigarre, bitte!“

Das musste der Hüter der Tabakwaren gehört haben, denn er baute sich hinter der kleinen Verkäuferin auf: Breitschultrig, Bürstenhaarschnitt, bohrenden Blickes. „Bitte? Was wollen Sie?“, war seine Frage, die Finkenrath verlegen antworten ließ: „Eine einzelne Zigarre, ich habe schon so lange nicht...“ Gern hätte er sein Raucherleben vor dem Hüter ausgebreitet, doch der unterbrach ihn. „Eine einzelne?“ Seine Stimme dröhnte. Die Verkäuferin stahl sich davon. „Guter Mann, einzelne Zigarren konnte man zu Opas Zeiten kaufen - die werden Sie in ganz Brühl nicht mehr bekommen.“ „Aber...“ Der Hüter befahl Finkenrath, ihm zu folgen. „Hier entlang.. Da hab ich noch mehr.“ „Aber...“ Finkenrath folgte ihm in das Reich der Versuchung, wo die unbezahlbaren Schätze lagerten. „Sie sehen, ich habe nur Filler. Was wollen Sie denn jetzt?!“ Eigentlich wollte Finkenrath fragen, was Filler sind, traute sich aber nicht. Nahm den letzten Mut zusammen: „Eine einzelne....’Bremer Schlüssel’ vielleicht- haben Sie die?“ Er erinnerte sich an diese dicke Schwarze, die er einmal in Köln erstanden hatte. „Nein. Sie sehen doch, was ich habe.“  Finkenrath sah es -  verließ den Laden und fühlte sich trotz aller Vergeblichkeit erleichtert.

Wie schon zu Anfang gesagt: bis dahin hatte er wie so oft gebetet, der Vater im Himmel möge ihn nicht in Versuchung führen. Seit diesem Tag dankte er ihm für die Bewahrung vor der Versuchung.

Audiobeitrag Finkenrath in Versuchung


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