Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.11.07, Michael Möller

Kann man mit Jesus alt werden?

Guten Morgen! Älter zu werden ist ein Geschenk, aber manchmal eben auch eine Last. Als ich meiner Schwester einmal klagte, was mich zwickt und zwackt,

hörte ich von ihr den Spruch: „Wenn du über 50 bist, morgens aufwachst und es tut dir gar nichts weh – dann bist du tot.“ Meine Schwester ist etwas älter als ich und weiß, wovon sie redet.  Mit einem flotten Spruch lässt sich die Stimmung heben, doch dem Älterwerden ist damit nicht beizukommen.  Aber wer versteht schon, was da genau passiert?  Schon beim Arzt wird es doch schwierig: Seit einiger Zeit sind meine Ärzte seltsamerweise immer  jünger als ich. Verstehen die überhaupt, wovon ich rede und worüber ich klage? Und auch die  Pfarrer meiner Gemeinde sind in meinen Augen ziemlich jung. Das ist für die Gemeinde sehr erfreulich, aber: Verstehen die mich wirklich? Verstehe ich sie noch? Oder trennen uns Welten? Der junge Arzt, der noch daran glaubt, dass alles wieder gut wird? Die Pfarrerin, die sich gerade einrichtet und Fuß fasst auf dieser Welt? Auf einer Welt, die dem Alternden mit jedem Tag fremder wird?

Christen sollen und dürfen mit ihrer Last zu Jesus kommen. Auch mit der Last des Älterwerdens. Aber wie soll das gehen? Versteht er denn, was mir das Leben schwer macht?

Mir wird mit den Jahren immer klarer, dass ich Vieles nicht werde zuende bringen können, selbt wenn mir biblisches Alter vergönnt wäre. Es ist absehbar, dass mein Leben ein Fragment bleiben wird. Das hatte ich mir einmal ganz anders vorgestellt, in der Blüte meiner Jahre und dann während der so genannten "Eselsjahre". Vor lauter Lasten, die da zu schleppen waren, kam der brave Esel nicht dazu, über den Tag hinaus zu denken. Jetzt denke ich an Altersteilzeit, an vorsichtigen Rückzug, hebe den Blick und sehe, was ich alles nicht vermag. Was ich niemals werde in Ordnung bringen können. Ich werde meinem Schöpfer ein Fragment zurück erstatten müssen. Unvollendet.

Das Leben Jesu kann als ein solches Fragment begriffen werden. Unvollendet, abgebrochen, unterbrochen. Jesus, unser Bruder auch hier. Von ihm könnte ich lernen, das Fragmentarische, das Bruchstückhafte anzunehmen. Es könnte mir helfen, den Druck abzuwerfen, am Ende etwas Rundes abliefern zu müssen.  Sterblich sind wir, von Anbeginn gedacht als Fragmente.  Und dürfen leben in der Hoffnung, dass Gott dereinst zusammen fügt, was uns misslang. Dass er vollendet, was wir aus gutem Herzen begonnen haben. Der Blick auf Jesus, auf sein Kreuz und seine Auferstehung weckt eine Sehnsucht, die im geschäftigen Alltag einschlafen kann. Das Fragmentarische anzunehmen macht nicht depressiv, sondern weckt unser Verlangen nach Vollendung. Es ist aber das Verlangen nach Gott, nicht nach einem perfekten Leben. Ich darf mich mit meinem Älterwerden an Jesus wenden und den tiefen Trost erleben, dass meine Sehnsucht nach Vollendung bei Gott in guten Händen ist. Und heute darf ich in Gelassenheit das tun, was gerade anliegt.

Audiobeitrag Kann man mit Jesus alt werden?


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