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Finkenrath macht Musik
Der Religionslehrer Kaspar Finkenrath ist bereits 52, als er sich völlig überraschend verliebt. Es ist nicht spektakulär,
wie er da in einem Sessel der Stadtbücherei sitzt und neue CD's zur Probe hört. Er ist überhaupt nicht vorbereitet auf das, was sein Leben verändern wird. Es geschieht einfach. Er verliebt sich Hals über Kopf in den Klang einer Posaune. Es ist der Schwede Nils Landgren, der sie spielt. Der sie so spielt, dass Finkenrath am liebsten hinein kriechen möchte in den Kopfhörer, in die Musik. Er leiht sich die CD aus und hört zuhause weiter. Er lauscht den Balladen, die sein Herz direkt erreichen. Es ist wie Gesang, wie geatmete Melodien. Dabei hält er sich für unmusikalisch. Wenn es in seinem Religionsunterricht um Musik und Gotteslob ging, kam ihm das immer etwas übertrieben vor. Die Hochschätzung der Choräle fand er überzogen und dass Johann Sebastian Bach Meisterwerke mit den Worten unterzeichnete Zum höheren Ruhm Gottes, hielt er für eine Marotte.
Nun aber träumt er nachts vom goldgelben Messing, vom Glanz der großen Posaunen. Es ist nicht zu leugnen: Finkenrath begehrt. Er will dieses Instrument kennen lernen.
Wenige Wochen später ist er Schüler der örtlichen Musikschule. Es trötet ziemlich furchtbar aus ihm heraus. Er übt, lauscht, übt weiter, lernt Noten, was ihm unendlich mühsam vorkommt. Er hat einen wunderbaren Lehrer, ihn mit viel Geduld begleitet. Und wirklich, nach Wochen, ein erster, richtiger Ton. Viele weitere Wochen später gelingt ein Duett mit seinem Lehrer. Das Wunderbare daran ist der Zusammenklang, die Harmonie. Sogar sein Lehrer hat Freude an den wenigen Tönen, die sich im kühlen Raum der Schule vermischen zu einer Harmonie, die Finkenrath Gänsehaut macht. Er versteht nicht genau, was da geschieht. Er lauscht und spielt. Und er ahnt, warum in der Bibel sooft von Musik die Rede ist, wenn es um Gott geht.
Ihm ist, als hätte er eine Welt betreten, von der er bisher nichts wusste. Und so stolpernd er sich auch noch in dieser Welt bewegt, er fühlt sich hier freier als in der anderen Welt. Zweck-freier. Konzentrierter. Die Musik fordert volle Aufmerksamkeit. Alles andere muss losgelassen werden, sonst klingt jeder Ton schief. In dieser Welt ist sein Atem, sein Atmen äußerst wichtig. Dem hatte er nie besondere Beachtung geschenkt. Jetzt holt er tief Luft, bis in den Bauch hinein.
Manchmal stellt sich Finkenrath vor, wie diese Töne sich fortbewegen bis zu dem Schöpfer, dem wir unser Atmen verdanken. Musik zur Ehre Gottes. Finkenrath leistet Johann Sebastian Bach stille Abbitte. Er spürt das Nehmen und Geben wie in der Liebe. Tatsächlich: Finkenrath fühlt sich reich beschenkt und kann auf eine neue Weise dafür danken. Zu seinem himmlischen Vergnügen und zur Ehre Gottes.
Finkenrath macht Musik
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