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Glücksklee
Guten Morgen! Haben Sie es auch bemerkt? Der Glücksklee stirbt aus! Seit drei Sommern ist er mir nicht begegnet. Früher war das anders.
Beim Blättern in alten Büchern fällt mir manchmal noch ein Vierblättriges entgegen. Ein ziemlich zerbröseltes Exemplar steckt in meinem Portemonnaie, bestimmt seit drei Jahren schon. Es hat ihn also gegeben. Aber heute? Hat er sich zurückgezogen, weil man ihn zum Jahreswechsel kaufen kann? Zu Tausenden wachsen sie da aus kleinen Töpfchen, bewacht von winzigen Schornsteinfegern, als reichte das Vierblatt alleine nicht aus, um für ein ganzes Jahr Glück zu verheißen. Schon möglich, dass so ein wildlebender Glücksbringer da schmollt.
Dabei hätte ich meiner Frau so gerne einen ergattert. So schwer kann's nicht sein! Das wäre doch gelacht! Mit solch trotzigen Gedanken begann meine Glückskleesuche. Das Frühjahr ging ins Land, der Sommer ... Es muss doch noch irgendwo wachsen! Doch das einzige, das wuchs, war mein Ehrgeiz. Und während wir mit der Familie über die Höhen des Bergischen wanderten, senkte sich mein Blick. Der Oberkörper leicht nach vorn geneigt, die Brille geputzt: So wurde der Boden fast schon gescannt, wann immer sich Klee zeigte. Was sich sonst so zeigte da draußen, nahm ich kaum wahr.
Alle Menschen suchen das Glück, wollen glücklich sein. Davon bin ich überzeugt. Und ich glaube auch, dass Gott unser Lebensglück will. Ein Leben in Fülle, wie es in der Bibel heißt. Das Wort Glück kommt in den Büchern der Bibel selten vor. Aber von reichem Segen ist die Rede, von Milch und Honig, von der Seligkeit. Ist die Bibel also ein Rezeptbuch für ein glückliches Leben? Jesus nennt doch gerade diejenigen selig oder glücklich, die nach unseren Maßstäben auf der Verliererseite stehen. Glücklich sind die Sanftmütigen, sagt er. Die Barmherzigen. Ach ja? Sind das nicht die, denen man die Butter vom Brot nehmen kann, ohne dass sie ein großes Geschrei anstimmen? Ist nicht Glück eher durch Ellbogen und Cleverness zu erringen?
Die Glücksforschung ist sich in einem Punkt einig: Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht anpeilen wie das Ziel einer Wanderung. Es geschieht immer nebenbei und meist in der Selbstvergessenheit. Die Forscher nennen es Flow. Am ehesten vergleichen lässt es sich mit dem Spiel, bei dem der Mensch sich selbst vergisst. Oder in der Arbeit, in der ein Mensch aufgehen kann. Nicht im angestrengten Kampf ums Glück werden wir fündig. Da wäre Jesus auch nicht das passende Vorbild. Dennoch: Die Theologin Dorothee Soelle nannte Jesus einmal den glücklichsten Menschen der Welt. Ich habe das lange nicht begriffen angesichts des Schmerzensmannes, den ich zu kennen glaubte.
Aber er hat sein Leben ganz aus der Hand Gottes genommen, dem er als seinem Vater wunderbar nahe war. Er konnte sich selbst vollständig vergessen, sich aufgeben für seine Freunde, für uns. Für heute und in kleiner Münze könnte das heißen, dass ich mich dem Leben überlasse. Mich dem Fluss meines Lebens hingebe. Nicht angestrengt suche nach dem, was mir angeblich zusteht. Sondern stattdessen entspannt und ohne Bewertungen mich der wärmenden Liebe Gottes aussetze. Erst wenn ich nicht mehr verbissen den Boden absuche nach dem großen Glücksversprechen mit vier Blättern, werde ich sehen können, was das Leben mir heute schenkt und was es von mir möchte. Das Glück wird mich dann finden.
Glücksklee
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