| |
Der Bußtag gibt uns ein Zeichen
Guten Morgen! Als wir im August umzogen, mussten wir einiges hinter uns lassen. Wie zieht man z.B mit seinem Garten um? Mit dem, was einem ans Herz gewachsen ist?
Da gab es den Hibiscus, den wir einmal als dürres Geäst, knapp kniehoch, gepflanzt hatten. In diesem Sommer blühte er üppig und schon bis in Nasenhöhe. Ein Bild der Fülle. Aber noch nicht zu groß! Mit einem kleinen Anhänger würden wir ihn gut transportieren können. Aber als wir dann mit dem Spaten neben ihm standen, merkten wir deutlich, was wir da Übles vorhatten. Mitten in der Blüte würden wir das Wurzelwerk schädigen und den Busch mindestens eine Stunde lang verfrachten. Sollten wir da nicht besser verzichten und Abschied nehmen?
Wir haben es dennoch getan. Ihn ausgebuddelt, den Wurzelballen eingepackt und am neuen Ort eilends wieder ausgepackt. Aber da war es schon kein Wurzelballen mehr. Die Erde hatte sich buchstäblich verkrümelt. Aber die Blüten, die Blätter: tiptop! Zwei Tage lang tat er so, als wäre nichts geschehen. Eine Woche später sah er wieder so aus, wie wir ihn vor Jahr und Tag eingepflanzt hatten. Dürre Holzstäbchen ragten erbärmlich in die Luft. Zwei Blätter waren geblieben, gelblich braun. Der Rückschnitt tat ein Übriges. Wir schämten uns. Wider besseres Wissen hatten wir gehandelt. Der holzige Strunk war Anklage, denn immer wenn wir ihn ansahen, erinnerte er uns an seine Bestimmung: Zu blühen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt!
Solche Bußzeichen hat man nicht gern im Garten. Die einen erinnern an eigene Fehler und Schwächen. Heute ist Buß- und Bettag. Auch so ein sperriges Zeichen. Schau es dir an. Wenigstens heute mal. Dafür ist das Kirchenjahr da: Uns zu erinnern an wichtige Termine für unsere Seelen. Da ist etwas im Garten deines Lebens, das nicht ziert und schmückt. Leg den Spaten heute aus der Hand und schau hin. Der Häcksler bleibt aus. In meinem Leben, in jedem Leben gibt es solche Hinweise auf unser Versagen. Die man deuten kann als Warnruf. Man kann sie auswischen, schreddern, häckseln, kompostieren - das Versagen bleibt. Man kann den Bußfeiertag zum Arbeitstag verstümmeln der Warnruf bleibt. Schau hin.
So eine Warnung haben wir vernommen, als wir unsern Hibiscusrest entsorgen wollten in den Kompost. Gut. Er sollte noch eine Chance bekommen. Lassen wir ihm noch diesen Herbst, diesen Winter.
Und wenn Sie versprechen, es nicht an die große Glocke zu hängen, muss ich Ihnen etwas gestehen. Wir haben ihn um Verzeihung gebeten. Den Hibiscus. Ihn gestreichelt die Ästchen. Ihm gut zugeredet. Ihn gewässert wie verrückt. Wir konnten ihn nicht aufgegeben.
Heute ist Bußtag. Lassen Sie sich von ihm warnen wie von den Verkehrshinweisen. Es ist ja noch Zeit. Manches lässt sich in Ordnung bringen. Manches nicht. Jedenfalls nicht von uns. Ich glaube, dass am Ende aller Tage Gott in Ordnung bringen wird, was mir daneben ging. Der Bußtag kann ein Zeichen sein.
Sie wollen wissen, was aus dem Hibiscus geworden ist? Im September platzten winzige Knötchen an den Ästen und er trieb neue Blätter aus. Ganz, ganz langsam.
Der Bußtag gibt uns ein Zeichen
|